Unterwegs im Hotel

Ein kleines, feines Highlight beim asphalt festival 2019 in Düsseldorf: Die Vollblut-Schauspieler Hanna Werth und Philipp Alfons Heitmann checkten mit der szenischen Lesung „Tanz mit dem Schafsmann” im Hotel Indigo ein und nahmen die Zuschauer*innen mit durch teppichgedämpfte Gänge, verspiegelte Fahrstühle und geheime Treppenhäuser.

Okay, das Hotel Indigo in Düsseldorf, Hotspot für Fashionistas, Geschäftsleute und Touristen aus aller Welt, ähnelt in keiner Weise dem Hotel Delfin, das Bestseller-Autor Haruki Marukami in seinem Werk „Tanz mit dem Schafsmann” beschreibt. Marukamis „Delfin” ist schmutzig, staubig und angefüllt mit Müll, in seinen Gängen geistert ein Monster herum – Dinge, die man vom schicken Indigo nun wirklich nicht behaupten kann. Doch dem starken Darsteller-Duo Hanna Werth und Philipp Alfons Heitmann gelang es mit Witz, Spielfreude und kluger Improvisation, ihrem kleinen Zuschauertrupp die surreale, mysteriöse Atmosphäre des Düster-Hotels aus der Romanvorlage zu vermitteln. Gleichzeitig kamen tiefe Gefühle von Verlust, Verlorenheit und Sehnsucht nach Liebe auf.

Ein gespenstischer Kosmos

Philipp Alfons Heitmann als Marukamis namenloser Held in „Tanz mit dem Schafsmann” sprach eindrucksvoll von seinen Träumen und der Erinnerung an seine plötzlich verschwundene frühere Geliebte. Deshalb stieg er noch einmal im Hotel Delfin ab. –  dem Ort, an dem er einst mit der geheimnisvollen Frau glücklich war. Dort wollte er nicht nur sie, sondern auch sich selbst und einen Rest von Menschlichkeit finden. Wie Heitmann seine schwierige Rolle interpretierte, erlebten die Zuschauer*innen hautnah mit: Sie waren mit dabei, als der Schauspieler in einem Hotelzimmer frustriert seinen Koffer auspackte und die Minibar benutzte, sie standen mit ihm im Fahrstuhl, sie folgten ihm, als er tanzend durch die Flure zog…

Hinter der Hotelfassade, das lernte man bei der Wanderung durch Zimmer und Flure des  Hotel Indigo, lauert bei Marukami eine andere Welt: ein mysteriös gespenstischer Kosmos in ewiger Dunkelheit und Eiseskälte, wo der Schafsmann im 16. Stock haust und auf etwas oder jemanden zu warten scheint. Auch die komprimierte Interpretation vom „Tanz mit dem Schafsmann” im Rahmen des asphalt festival oszillierte zwischen Thriller und Fantastik, Kriminalstory und surrealer Magie. Die Zuschauer*innen tauchten im Verlauf der Handlung immer mehr in eine fantastische, beängstigende Welt ein, Gruselgefühle inbegriffen!

Hanna Werth überzeugte in ihren verschiedenen Rollen als Hotelpage, Schafsmann und ewige Geliebte.  Philipp Alfons Heitmann verschwand zum Schluss der Performance auf dem Grund des Treppenhauses im Indigo, so wie der Romanheld in der Finsternis verschwand. Viel Beifall vom Publikum, das weiter oben im Treppenhaus ausharrte, für eine packende, ungewöhnliche  Performance – gern mehr davon beim asphalt festival Düsseldorf 2020!

Vollblut-Schauspieler

Hanna Werth und Philipp Alfons Heitmann haben an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig studiert, lernten sich aber erst 2014 auf dem asphalt Festival kennen. Werth ist nach ersten Engagements am Studio des Schauspiels Leipzig und an den Wuppertaler Bühnen seit 2014/15 festes Ensemblemitglied des Düsseldorfer Schauspielhauses und Preisträgerin des NRW-Theatertreffens 2013 als Beste Nachwuchsdarstellerin.

Heitmann war u. a. am Staatstheater Stuttgart, dem Renaissance-Theater Berlin, dem Hans-Otto-Theater Potsdam und an den Wuppertaler Bühnen engagiert. In den letzten Jahren arbeitete er fest am Rheinischen Landestheater Neuss und war in diversen TV- und Rundfunkproduktionen zu sehen und hören. Unter dem Namen dla dla (Zulu für „Spiel”) entwickeln Werth und Heitmann gemeinsame Bühnenprogramme.

Autorin: Angelika Campbell

Fotos: Ralf Puder