Wege in die Abstraktion

Marta Hoepffner (1912–2000) ist eine zentrale Vertreterin der experimentellen Fotografie, die es in dieser Ausstellung zu entdecken gilt. Ihr Œuvre ist bis heute eher unbekannt und nur selten in Ausstellungen gezeigt worden. Mit über 50 Werken, die einen umfassenden Einblick in ihr Schaffen geben, widmet das Zeppelin Museum der Fotografin erstmals eine große Ausstellung.

Gezeigt werden frühe s-w-fotografische Experimente (Fotogramme, Mehrfachbelichtungen und Solarisationen), Porträts bis hin zu farbfotografischen Studien. Hoepffners innovative künstlerische Entwicklung zeigt sich vom Lichtbild über die Lichtgraphik bis zum Lichtobjekt. In konsequenter Aneignung fotografischer Mittel geht sie immer wieder über deren Grenzen hinaus und macht sie zu einer Pionierin der experimentellen Fotografie. 1949 gründete sie die eigene Privatschule für Fotografie, die 25 Jahre lang existierte. Für die über 1000 Schülerinnen und Schüler bildete sie eine Brücke zwischen der Ästhetik der Vorkriegsmoderne und den Avantgardebewegungen nach 1945.

Gegenübergestellt werden ihre Arbeiten den Gemälden von Willi Baumeister (1889-1955), von ihm werden über 20 Werke zu sehen sein. Hoepffner war ab 1929 an der Frankfurter Kunstschule die Schülerin von Baumeister, einem der bedeutendsten abstrakten Maler. Als er 1933 seine Professur verliert, verlässt auch sie solidarisch die Schule.

Die Impulse, die Hoepffner von Baumeister erhält, sind prägend für ihre künstlerische Entwicklung. Die moderne Malerei schult ihren Blick und bildet die Grundlage für ihr Werk. Obwohl die beiden KünstlerInnen auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, verbindet sie der Weg in die Abstraktion und die Ablösung vom Gegenständlichen.

Die Ausstellung folgt der Konzeption des assoziativen Sehens, sie spürt nach, wie sich Formen und Motive im Werk der KünstlerInnen entwickelt haben. Gezeigt werden zum einem die Verbindungen, wie die Beschäftigung mit abstrakten Urformen, zum anderen macht sie die unterschiedlichen Herangehens- weisen sichtbar.

Denn in gewisser Weise waren die künstlerischen Entwicklungen in der Abstraktion von Baumeister und Hoepffner fast gegenläufig: Während sich Baumeister ausgehend von einer streng-geometrischen Bildkompositionen zu amorph-fluiden Formen hinbewegt hat, ist bei Hoepffner eine umgekehrte Entwicklung zu beobachten, die vor allem im Spätwerk stark geometrisch-konstruktive Bilder hervorbringt. Von der Malerei kommend, eignete sich Hoepffner über die Fotografie bis hin zu den lichtkinetischen Objekten, verschiedene Gattungen an, die mit der endgültigen Loslösung von der Zweidimensionalität einhergeht. Diese variochromatischen Objekte (Durchlichtkästen mit drehbar angeordneten Foliensets) können von den Betrachter*Innen bewegt werden, um so ganz unmittelbar den Prozess vom Unsichtbaren zum Sichtbaren nachzuvollziehen.

Ausstellung bis 10.04.2020, Zeppelin Museum, Seestr. 22, D-88045 Friedrichshafen
zeppelin-museum.de

Bilder:
oben: Leuchtende Diagonalstreifen, 1980, Marta Hoepffner (Estate Marta Hoepffner)
unten: Flämmchenbild, 1931, Willi Baumeister (Archiv Baumeister im Kunstzentrum Stuttgart)