Die Fäden der Moderne

Die Ausstellung präsentiert einen nahezu unbekannten Aspekt im Schaffen zahlreicher moderner Künstler von Weltruhm: Gewohnte Gattungsgrenzen erweiternd, wandten sie sich der Tapisserie zu und gaben der jahrhundertealten Kunst der »Bildwirkerei« immer wieder neue Impulse. In der unter Ludwig XIV. (1638 – 1715) gegründeten Manufacture des Gobelins sowie in weiteren französischen Werkstätten entstanden nach den Vorlagen der Künstler nicht nur Tapisserien, sondern auch Möbel und Bodenteppiche von herausragender Qualität – von denen ebenfalls Beispiele in der Ausstellung zu sehen sind. In enger Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Webern werden in den Manufakturen bis heute einzigartige textile Meisterwerke geschaffen, die sich durch die Verbindung von künstlerischem Einfallsreichtum und handwerklicher Virtuosität auszeichnen. Dabei werden die alten Techniken der Garnherstellung, des Färbens sowie des Webens und Knüpfens nahezu unverändert angewandt. Von der Vorlage bis zum fertigen Objekt nimmt die Herstellung eines großen Gobelins nach wie vor tausende Arbeitsstunden in Anspruch.

In neun Kapiteln zeichnet der Ausstellungsparcours die Entwicklung der modernen Tapisserie und die Geschichte der französischen Manufakturen im 20. Jahrhundert nach. Die Exponate erzählen dabei nicht nur von historischen Umbrüchen, sondern auch von zahlreichen Neuerungen in der bildenden Kunst, die sich in diesem Jahrhundert entwickelt haben und die in der Textilkunst aufgegriffen wurden.

Der Rundgang beginnt mit Tapisserien aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Projekte, wie Georges Desvallières’ (1861 – 1950) Frankreich 1918 (1936), thematisieren das Schicksal der Nation während des Kriegs. Weitere, wie Edmond Yarz’ (1846 – 1921) Die Pyrenäen (1924), sind der Schönheit der französischen Heimat gewidmet. Die Faszination für andere, »exotische« Kulturen sowie der koloniale Machtanspruch der Grande Nation schlug sich in den Zwischenkriegsjahren in dekorativen Tapisserien wie Der Mekong (1935 – 1937) von PierreHenri Ducos de la Haille (1889 – 1972) nieder, mit denen sich die staatlichen Manufakturen auf Weltausstellungen wie der Exposition coloniale internationale von 1931 präsentierten.

Das nächste Kapitel ist Jean Lurçat (1892 – 1966) gewidmet, der sich seit den 1930er-Jahren einen Namen als Erneuerer der Tapisserie machte. Er propagierte die Rückbesinnung auf die charakteristischen Eigenschaften des textilen Mediums und forderte eine stark reduzierte Farbpalette, vereinfachte Formen und eine eigene dekorative, von der Malerei emanzipierte Bildsprache.

Eine tiefe Zäsur in der Geschichte der modernen Gobelins beleuchtet der darauffolgende Ausstellungsraum, indem er die Rolle der Bildteppiche während des Zweiten Weltkriegs und der Manufakturen im besetzten Frankreich thematisiert. Die von Joachim von Ribbentrop und Herman Göring dort in Auftrag gegebenen Monumentalwerke zeugen vom Größenwahn der Nationalsozialisten – die unvollendete Tapisserie Die Erdkugel (1941 – 44) sollte eine Fläche von über 72 m² haben. Demgegenüber setzte Jean Lurçat die Tapisserie als Mittel des sozialistischen Widerstands ein und realisierte in den nicht-staatlichen Ateliers von Aubusson Projekte im Kontext der Résistance gegen das nationalsozialistische Regime.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann für die Manufakturen eine Zeit des Aufbruchs, in der verstärkt auf die Zusammenarbeit mit renommierten Künstlern gesetzt wurde. Die großen Meister wie Henri Matisse (1869 – 1954), Pablo Picasso (1881 – 1973), Sonia Delaunay (1885 – 1979) oder Joan Miró (1893 – 1983) sollten das Medium in die Gegenwart transportieren und der Tapisserie zu mehr Aufmerksamkeit innerhalb des Kunstsystems verhelfen. Viele ihrer Entwürfe wurden allein für die Umsetzung als Tapisserie geschaffen und setzen sich mit den charakteristischen Eigenschaften der textilen Kunstform auseinander.

Die zunehmend abstrakten Strömungen der Nachkriegszeit in Malerei und Skulptur schlugen sich auch in Projekten der französischen Manufakturen nieder, beispielweise in Tapisserien nach Vorlagen von Hans Hartung (1904 – 1989) oder Zao Wou Ki (1920 – 2013). Der besondere Reiz vieler dieser gestisch-abstrakten Werke liegt dabei in der überzeugenden Art und Weise, wie selbst die feinsten Pinselstriche am Webstuhl nachgebildet wurden. Auch Op-Art Künstler wie Victor Vasarely (1906 – 1997) und Yaacov Agam (*1928) entwarfen Teppiche und Tapisserien mit den für sie typischen optischen Täuschungen, in denen der Eindruck von Bewegung sowie die Illusion von Dreidimensionalität entstehen. In Zusammenarbeit mit Bildhauern wie Alicia Penalba (1913 – 1982) und Edouardo Chillida (1924 – 2002) wurden zudem die Grenzen des Mediums ausgetestet und erweitert: In Penalbas Triptychon (1982 / 83) heben sich schwere, schwarze Formen reliefartig von einem weißen Untergrund ab und erweitern damit die Tapisserie in den Bereich des Skulpturalen.

Ausstellung 06.12.2019-08.03.2020
Kunsthalle München, kunsthale-muc.de

Bilder:
Oben: Henri Matisse, Die Lautenspielerin, 1947–1949, Manufacture des Gobelins, Sammlung Mobilier national, Succession H. Matisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Isabelle Bideau
Mitte: Joan Miró, Komposition Nr.1, Frau am Spiegel, 1966, Manufacture des Gobelins, Sammlung Mobilier national, Successio Miró / VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Mobilier national
Unten: li: Sonia Delaunay, Tafel 1954, 2000, Manufacture des Gobelins, Sammlung Mobilier national, Pracusa, Foto: Philippe Sébert / re: Victor Vasarely, Cheyt Pyr, 1977, Manufacture de Beauvais, Sammlung Mobilier national, Victor Vasarely, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Isabelle Bideau