07.-09.02.2020 Ice Music Festival Norway

Terje Isungset verbringt jedes viele Tage damit, in zugefrorenen Seen und auf massiven Gletschern die am besten zueinander passenden Stücke Eis zu finden. Voraussetzung ist, dass das Wasser gleichmäßig genug gefroren ist und nicht zu viele Luftbläschen eingeschlossen hat.

Mit einer Motorsäge und mit japanischen Spezialmessern bearbeitet Isungset große Eisbrocken in fragile, bläulich schimmernde Mobilee, hängt sie an Angelschnüren auf, klopft die Klangkörper nach Rissen ab und stimmt sie raspelnd, feilend und kratzend aufeinander ab. Bis die Instrumente zum ersten Mal ertönen, dauert es viele Stunden. Und ob das Ergebnis die Erwartungen erfüllt, ist keinesfalls sicher. „Vor Konzerten bin ich immer nervös. Ob es gut klingt, entscheidet nämlich am Ende die Natur.“

„Von 100 ähnlich aussehenden Stäben, die ich für meine Schlaginstrumente aus dem Eis schnitze, klingen am Ende vielleicht fünf. Der Rest ist stumm“, so Terje Isungset. „Und ich weiß immer noch nicht genau, woran das liegt. Nur eines kann ich auf jeden Fall sagen: Mit Kunsteis funktioniert das Ganze überhaupt nicht.“

Eis als Klangkörper entdeckte er eher durch Zufall, als er für Festspiele in Lillehammer Musik komponieren sollte – das Konzert gab er mitten in der Natur an einem gefrorenen Wasserfall. Seit 2006 gibt es in Geilo, seinem Heimatdorf, jedes Jahr ein Eis-Konzert.

Die Instrumente werden erst vor dem Konzert gebaut, Spezialisten aus aller Welt helfen den Musikern bei der Konstruktion von Eisgitarre, Eisfiedel oder Eisharfe.

„Eis reagiert anders als Holz oder Metall. Beim ersten Mal wusste ich gar nicht, ob sich die Saiten richtig verankern und korrekt stimmen lassen“, erklärt Sidsel Walstad, Solo-Harfinistin des norwegischen Rundfunkorchesters. „Es ist auch eine Herausforderung, ein Instrument zu benutzen, das man nur kurz vor dem Konzert Probe spielen darf – das Risiko, es zu zerstören, ist einfach zu groß.“ Besonders sensibel sind indes die dünnen Stäbe, Platten und Quader des Eisschlagzeugs: Ein Windhauch kann sie aneinanderstoßen und zerschmettern, und natürlich auch sich verän­dernde Temperaturen können in der Schneearena unter freiem Himmel ­dafür sorgen, dass das Instrument schmilzt, bevor Terje Isungset es mit Fingerspitzen oder Trommelstöcken zum Klingen bringt.

Ob und wie die Eis-Instrumente am Ende tönen, bestimmen die Virtuosen nur zum Teil – die Natur hat das Sagen: „Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Wind verändern die Klangfarbe.“

Die Zeit zerrinnt rasend schnell: „Es schmilzt durch meine Atemluft und hält nur ein Konzert.“ Zwar hat Terje Isungset auch schon einmal versucht, ein Eishorn zu retten, indem er Wasser anfrieren ließ, um das Mundstück wieder zu verengen. Vergeblich – der Klang war weg.

icemusicfestivalnorway.no