Martin Schoeller

Martin Schoeller, in München geboren, lebt seit 1993 in den USA. Berühmt geworden ist er mit der Serie Close Up, einer Reihe extremer Nahaufnahmen. Für Close Up hat er viele hundert Prominente wie Taylor Swift oder Brad Pitt, Politiker*innen wie Angela Merkel oder Barak Obama, aber auch völlig unbekannte Menschen, alle auf die exakt selbe Art und Weise porträtiert. Er benutzt jedes Mal dieselbe Ausrüstung und identisches Licht, ähnliche Winkel und Entfernungen und widmet sich den Menschen, den unbekannten wie den allzu bekannten, mit der gleichen Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Für ihn ist das Close Up, die Nahaufnahme, die reinste Form des Porträts, weil es die Betrachter*innen mit einem einzelnen, isolierten Ausdruck konfrontiert. Trotz des identischen Aufbaus innerhalb der Serie sucht er mit jedem einzelnen Bild nach der Persönlichkeit des Menschen, den er porträtiert. Ihn interessiert der subtile Moment zwischen den gekonnten Gesten und der Augenblick, in dem jemand, ohne es zu wissen, etwas über sich preisgibt. Durch die extreme Nähe und die typische Ausleuchtung im hellen Neonlicht bleiben seiner Kamera kein Ausdruck, kein Detail und keine Falte verborgen. Die Bilder entziehen sich der bewussten Selbstdarstellung der Porträtierten und fokussieren einen Moment von Verletzbarkeit und Integrität.

Die Serie Female Bodybuilders zeigt einige der besten Bodybuilderinnen der Welt. Das Verfahren ist ähnlich wie bei den Close Ups, allerdings sind die Arbeiten aus etwas mehr Distanz aufgenommen. Auf einem Wettkampf 2003 hatte Schoeller sein erstes Polaroid-Bild von einer Bodybuilderin aufgenommen und war so beindruckt von der Komplexität des Bildes, dass er eine ganze Serie begann. Ihn interessieren die Widersprüche in den Bildern der Athletinnen, die mit extrem großem Einsatz an ihrem Sport und an ihren Körpern arbeiten, ohne soziale oder finanzielle Anerkennung dafür zu bekommen. Im Gegenteil, sie stoßen an die Grenzen weitverbreiteter und gnadenloser Schönheits- und Weiblichkeitsnormen. In der genauen Betrachtung dieser Widersprüche und der respektvollen und sorgfältigen Auseinandersetzung mit der Einzelnen liegt die Kraft seiner Bilder. „Wir alle funktionieren nach eng gesteckten Idealen des Guten, des Richtigen und des Schönen, die wiederum unzähligen, verworrenen Einflüssen unterliegen. Die hier gezeigten Athletinnen sind nicht anders; sie sind genauso verletzbar wie jede andere Person, die vor einer Kamera steht“, so Schoeller.

Hollywood ist eine Werkreihe über obdachlose Menschen und Martin Schoellers sozialpolitischste Arbeit. Er hat hunderte von Menschen fotografiert, die mit verheerenden Konstellationen persönlicher und sozialer Ungerechtigkeit zu kämpfen haben. Die im Studio aufgenommenen Fotografien zeigen obdachlose Transgenderfrauen, darunter viele Sexarbeiterinnen, die Schoeller in den Straßen von Hollywood getroffen hat. Für ihn stellen sie die verletzbarste und am meisten verunglimpfte Gruppe in der Amerikanischen Gesellschaft dar. Viele von ihnen bewältigen ein scheinbar unmögliches Zusammenspiel von Obdachlosigkeit, Sucht, psychischen Erkrankungen und Intoleranz gegenüber der Sexarbeit von Frauen, Transidentität und Armut. Schoeller hat jeder Frau 50 Dollar für die Sitzungen bezahlt und spendet alle Gewinne aus Verkäufen von Kunstwerken an das Hollywood LGBTQ Community Center.

Die Werkschau ist die bisher umfassendste in Deutschland und gibt Einblick in Schoellers vielschichtiges Werk. So präsentiert die Ausstellung weitere Reihen und Themen, neben humorvollen Prominenten, wie Brad Pitt beim Croquet in der Reihe Portraits, auch die Serie Identical, für die Schoeller Zwillingspaare porträtiert hat, oder die neue Serie Drag Queens. Schoeller hat die großformatige, noch fortlaufende Reihe 2018 in New York und Los Angeles begonnen und einen Teil davon im New York Magazine veröffentlicht. Im NRW-Forum wird die Serie inklusive neuer Arbeiten zum ersten Mal in einer Ausstellung präsentiert. Für die neue und noch fortlaufende Serie Death Row Exonorees hat er 15 freigesprochene Todeszelleninsassen interviewt und gefilmt. Dafür arbeitet er mit der Organisation Witness to Innocence zusammen, die sich für die Abschaffung der Todesstrafe in den USA einsetzt. In der Ausstellung sind sieben der Interviews in einer Videoinstallation zu sehen. In den kommenden Jahren möchte Schoeller weitere der bis heute 166 Menschen porträtieren, die in den USA zum Tode verurteilt und dann freigesprochen wurden.

28.02.-13.09.2020, nrw-forum Düsseldorf, nrw-forum.de

Bilder:
Oben, v.li.n.re.: Close Up: Jack Nicholson, 2002 / Close Up, Julia Roberts, 2010 / Portraits: George Clooney, 2008
Mitte: Female Bodybuilders: Carmella Cureton, 2007
Unten: Drag Queens: Acid Betty, 2019
Alle Fotos: Martin Schoelle