„Koudelka. Industries“

Die 40 Motive zeigen massive Umformungen der Landschaft durch den Menschen, zum Beispiel im Braunkohle-Tagebau in der Tschechischen Republik und Deutschland, den Stahlhütten Frankreichs und den Ölfeldern Aserbaidschans. „Koudelkas Bilder zeigen die Wunden, die Wohlstand und Konsum in der Landschaft hinterlassen. Sie entstanden Anfang der 1990er-Jahre, haben aber nichts von ihrer Aktualität verloren.

Die Verbrennung und Ausbeutung von fossilen Rohstoffen ist mehr denn je ein Thema, nicht zuletzt dank der Bewegung ‚Fridays for Future'“, erklärt Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums. „Gerade wir als Industriemuseum, dessen ehemalige Hütten, Bergwerke und Fabriken selbst Teil dieser Entwicklung waren, sehen uns heute in der besonderen Verantwortung, diesen Diskurs zu Ressourcenverbrauch und Umweltschutz aufzunehmen. Wer, wenn nicht wir?“

Die 2,80 Meter breiten Panorama-Aufnahmen Josef Koudelkas werden auf beidseitig bedruckten, freischwebenden Tafeln in der historischen Halle präsentiert. „Das Gebläsehaus bietet eine beeindruckende Kulisse für die Bilder, die durch die großen Maschinen im Hintergrund noch mächtiger erscheinen“, erklärt Patrick Thiemig, Kurator der Sonderausstellung. Die großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind zwischen 1987 und 2009 entstanden. Jedes der Bilder hat die ungewöhnliche Breite von 2,80 Metern.

Die Fotografien erlauben einen tiefen Blick in Landschaften, die durch den Eingriff des Menschen drastisch verändert wurden.

In den Jahren um 1990, als in Mittel- und Osteuropa der Eiserne Vorhang fiel, reiste Koudelka mit einer Panoramakamera in Gebiete, die von der Industrialisierung geprägt worden waren. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs fand er Gegenden, die das Streben nach Wirtschaftswachstum in zersplitterte und monströse Unorte verwandelt hatte. Seine Aufnahmen entstanden hauptsächlich in Frankreich, Tschechien und der Slowakei, aber auch in Deutschland, Aserbeidschan und den USA. In tagelangen Wanderungen erschloss er sich die Standorte von Stahlhütten, Kohlebergwerken und anderen Anlagen, bevor er seine Motive wählte.

Koudelka präsentiert seine von der Industrie umgeformten Landschaftsbilder nicht als Ankläger. Er betont, dass er zwar die Zerstörung schrecklich findet, jedoch nicht die zerstörten Gegenden als solche. In den zermalmten Flächen der genutzten und bebauten Landschaften entdeckt er Strukturen und Linien. So zeigen seine Fotografien die verborgene Ordnung hinter dem Chaos.

Der Fotograf
Josef Koudelka wurde 1938 in der mährischen Stadt Boskovice geboren und arbeitete zunächst als Luftfahrtingenieur. Zugleich fotografierte er Theaterproduktionen in Prag und arbeitete an einer Serie über Sinti und Roma. Weltweit bekannt wurden seine heimlichen Aufnahmen von der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 durch sowjetische Panzer. Allerdings konnte er sich aus Angst vor Verhaftung zu diesen Bildern damals nicht öffentlich bekennen. 1970 floh er aus der Tschechoslowakei nach England. Im folgenden Jahr nahm ihn die Pariser Agentur Magnum Photos als Mitglied auf. 1975 richtete ihm das Museum of Modern Art in New York eine Einzelausstellung aus. Koudelka erhielt viele Preise, darunter den Grand Prix National de la Photographie (1987) und den Henri Cartier-Bresson Award (1991).

Ausstellung bis 05.04.2021

LWL-Industriemuseum Henrichshütte Hattingen
Werksstraße 31-33, 45527 Hattingen,
lwl.org/industriemuseum/standorte/henrichshuette-hattingen

Bilder:
Von oben nach unten:
Frankreich, 1987 Josef Koudelka / Magnum Photos
Frankreich, 1987 Josef Koudelka / Magnum Photos
USA, 2000 Josef Koudelka / Magnum Photos
Frankreich, 1987 Josef Koudelka / Magnum Photos