Zum 85. Geburtstag: „Bert Gerresheim.Geschichten“

Zum 85. Geburtstag von Bert Gerresheim zeigt das Stadtmuseum Düsseldorf, die erste umfangreichen Ausstellung in der Geburtsstadt des bedeutenden Düsseldorfer Bildhauers und Zeichners. Die Sonderausstellung zeigt Plastiken und Zeichnungen aus seinem Atelierhaus. Dabei dürfen die Plastiken von den Besucherinnen und Besuchern nicht nur betrachtet, sondern auch berührt werden.

Entstanden sind die künstlerischen Erzählungen im Zeitraum von 1950 bis 2020. Ergänzt wird die Ausstellung durch Video-, Foto- und Text-Beiträge von Bürgerinnen und Bürgern. Jeder kann seine persönlichen Erfahrungen und Meinungen zum Künstler, Begegnungen mit dem Künstler, Erlebnisse mit den Werken oder Ähnliches unter dem Hashtag #bertgerresheimgeschichten auf Instagram posten. Die Beiträge, die mit dem Hashtag versehen sind, werden dann in die Ausstellung projiziert und werden so ein Teil dieser.

Bert Gerresheim ist mit seinen Werken in Düsseldorf im öffentlichen Raum präsent: Besonders bekannt sind das „Heine-Monument“ am Schwanenmarkt, der „Corpus Christi“ vom Katholikentag, jetzt am Turm der Rochuskirche, und das „Stadterhebungsmonument“ am Burgplatz. Das Stadtmuseum ehrt den vielfach ausgezeichneten Düsseldorfer Künstler zu seinem 85. Geburtstag mit einer eher intimen Ausstellung. Sie gewährt einen Einblick in die private Welt des Künstlers in seinem Atelier- und Wohnhaus in Gerresheim. Sein dort präsentes Werk aus Zeichnungen und Bronzegüssen ist für die Dauer der Schau zu großen Teilen in das Stadtmuseum verlagert worden, dazu auch Mobiliar und Werkzeug aus dem Atelier. Mappen und Skizzenbücher sind ausgelegt.

Bert Gerresheim wurde am 8. Oktober 1935 im Theresienhospital in direkter Nachbarschaft zu St. Lambertus in der Altstadt geboren, wächst in Bilk in einem sehr katholisch geprägten Elternhaus auf. Schon als Kind beginnt Gerresheim, unentwegt zu zeichnen. Seine Mutter kennt Mutter Ey und zeigt ihr die Zeichnungen des Sohnes. Diese rät dazu, den Sohn auf die Kunstakademie zu Otto Pankok zu schicken. Schon als 15-Jähriger lernt Bert Gerresheim Pankok in Oberkassel kennen und besucht ihn regelmäßig. 1956 kommt er in die Klasse von Pankok an der Kunstakademie Düsseldorf und schließt ein Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik an der Kölner Universität an. Erste Auszeichnungen und Stipendien folgen bereits in den 1960er Jahren, 1967/68 ein einjähriger Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom. Von 1963 bis 1990 ist er im Schuldienst, am Lessing-Gymnasium an der Ellerstraße, tätig. 1972 wird er in den „Ordo Franciscanus Saecularis“ aufgenommen. 2018 gibt er sein langjähriges Atelier an der Hüttenstraße auf und zieht in sein Elternhaus in Gerresheim.

Bert Gerresheim ist in der zeitgenössischen Kunstszene eine einzigartige Erscheinung. Er geht konsequent einen eigenen Weg, unabhängig von den Erwartungen des Kunstmarktes. Mit der Entscheidung, bei Otto Pankok zu studieren, wird er zum doppelten Außenseiter. In der Klasse ist er der einzige, der Bildhauer werden möchte. Und während sich die abstrakte Kunst aus Frankreich und den USA auch an der Kunstakademie zur vorherrschenden Richtung entwickelt, bleibt Gerresheim der Gegenständlichkeit treu. Er geht über die surreale Welt von Max Ernst und die Maskenwelt von James Ensor hinaus, er bricht die sichtbare Oberfläche auf, verzerrt sie in sogenannten „Vexierporträts“. Ein wichtiger Zugang zu seinem Werk ist seine Religiosität. Aufgewachsen zwischen Katholizismus und Kommunismus, findet er Halt im Vorbild des Heiligen Franziskus. Er lebt als Künstler im franziskanischen Laienorden. Der Begriff „halluzinatorischer Realismus“ umschreibt die Tiefe und Phantastik seiner Bilderwelt. Dabei sieht er sich stets verwandt mit Till Eulenspiegel, der mit Weisheit und Narretei der Welt den Spiegel vorhält.

In der Sonderausstellung sind unter anderem die Santiagoprotokolle von Gerresheim zu sehen. Der Künstler taucht mit diesen in die Welt des Heiligen Jakobus und der Landschaft Galiciens im Norden Spaniens ein.

Das Thema der Apokalypse begleitet das gesamte künstlerische Schaffen von Gerresheim. Mit 15 Jahren sieht er zum ersten Mal Rodins „Höllentor“ im Original in Paris, mit 17 Michelangelos Sixtinische Kapelle und mit 18 James Ensors „Einzug Christi in Brüssel“. Seine erste große eigene Darstellung der Apokalypse stammt aus dem Jahr 1956.


Heute ist die „Kevelaer Apokalypse“ von 2002 mit 260 einzelnen Figuren sein monumentalstes Werk. Gerresheim ist immer wieder tief in die Materie des Textes der Offenbarung eingetaucht und hat Bilder dafür gefunden. Er ist auf die Insel Patmos gereist, auf der Johannes im Kloster seine Offenbarung empfing, um diese große Vision zu verstehen. In seinen Apokalypsen auf Papier, die im Stadtmuseum zu sehen sind, holt er dieses Endzeit-Gericht in die Gegenwart.

Ebenfalls im Rahmen der Sonderausstellung zu sehen, sind die Zeichnungen und Bronzen zum Zyklus „Vexierfeld D.“. In diesen geht es um Visionen aus der Hölle, um Bilder des Leidens und des Schmerzes. Gerresheim lässt offen, ob das „D.“ für Düsseldorf, Deutschland oder Dante steht. Auf jeden Fall sind die Arbeiten in diesem Zyklus von Dantes „Göttlicher Komödie“ inspiriert, die eine Reise durch die Hölle, aber auch das Paradies beschreibt.


In den „Vexiergrotesken“ lässt Gerresheim seiner Phantasie freien Lauf. Die Bildwelt, die sich hier auftut, steht ganz in der Tradition von Hieronymus Bosch wie der Surrealisten. Innenwelt und Außenwelt feiern in der Imagination des Künstlers eine wilde Hochzeit, das Surreale nimmt Gestalt an. In den kleinen Bronzen ist der Künstler ganz bei sich, scheint Luft zu holen zwischen den Aufträgen für Porträts und Monumente. Er wendet den Blick nach innen und findet dort skurrile Tiere und wahre Monstren, nur gebannt durch Ironie und die Kunst der Darstellung. Die „Vexiergrotesken“ führen die „Vexierporträts“ wie „-torsi“ konsequent weiter.

In den „Vexierporträts“ wird der schöne Schein der Oberfläche verworfen. Für Gerresheim ist der Mensch vielschichtig, widersprüchlich und beherrscht mehrere Rollen. Das lateinische Wort „vexare“ bedeutet verzerren. Das Vexierbild gab es schon in der Renaissance. Für Gerresheim ist es aber ein zeitgenössischer Ansatz, um mit heutigen Sehgewohnheiten und Kenntnissen der Psychoanalyse der Vielseitigkeit einer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Verzerren klingt erst einmal nach Zerstörung, gemeint ist aber der Gewinn von Multi-Versionen. Der Betrachter kann je nach Standpunkt neue Dinge erkennen und Verborgenes ausfindig machen. Ein wichtiges Requisit in Gerresheims Atelier sind deshalb Spiegel, die das Gespiegelte verzerren. Die Surrealisten des 20. Jahrhunderts haben mit Vexierbildern psychologische Zusammenhänge deutlich machen wollen. Bert Gerresheim hat sich mit den Porträts von Francis Bacon auseinandergesetzt, der seine Figuren in der Bewegung auflöst. Gerresheim übersetzt in seinen Vexierporträts auch innere Verletzungen ins Außenbild.


09.10.2020-03.01.2021, Stadtmuseum Düsseldorf,
Die-So 11-18 Uhr, duesseldorf.de/stadtmuseum.html

Bilder:
Oben/Mitte: Plastiken und Zeichnungen aus dem Atelierhaus des Düsseldorfer Bildhauers und Zeichners Bert Gerresheim
Unten: 2 Narrenschellenditz, Bert Gerresheim, Bronze, 2008
(Fotos: Landeshauptstadt Düsseldorf/Michael Gstettenbauer)