Surrealistisches Rendez-vous: Hans Arp und Salvador Dalí

Wie kaum ein anderer hat es Dalí geschafft, nicht nur durch seine einzigartige Malerei Berühmtheit zu erlangen, sondern auch als Inbegriff des exzentrischen Künstlers zum Star zu werden. Er bringt die Grenze zwischen Hoch- und Popkultur, zwischen Kunst und Alltag zum Einsturz und erreicht so ein breites Publikum. Der Ausstellungsteil im historischen Bahnhof zeigt dieses geniale Selbstmarketing in all seinen Facetten: Dalí als Mythos, Marke und Multimediakünstler.

Surrealistisches Rendez-vous: Hans Arp und Salvador Dalí Im Obergeschoss des Neubaus zeigt das Arp Museum Bahnhof Rolandseck hochkarätige und internationale Leihgaben von Werken der beiden Künstler Salvador Dalí und Hans Arp. In dialogischer Präsentation werden charakteristische Werkgruppen zu den Themen »Objekt«, »Schnurrbart«, »Körper«, »Genie«, »Form«, »Bureau surréaliste« und »Sprache« gebildet. Sie zeigen, wie sehr sich Dalí und Arp in ihrer Formensprache ähneln. Das kuratorische Konzept verfolgt zugleich die beiden Künstlerpersönlichkeiten, ihre Rolle im Surrealismus und die Überschneidung ihrer Biografien.

Hans Arps und Salvador Dalís Wege kreuzen sich 1929 in Paris, als Dalí in den Künstlerkreis der Surrealisten aufgenommen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist Arp bereits etabliertes Mitglied der surrealistischen Bewegung um André Breton. Hans Arp, der sich zuvor als einer der führenden kreativen Köpfe des Dadaismus in verschiedensten Techniken des Zufalls und der Intuition ausprobierte, konnte sich schnell mit den Ideen des Surrealismus identifizieren. Seine Texte und Werke werden in den wichtigsten Publikationen des Surrealismus abgedruckt und Arps Reliefs für ihre objektsprachliche Neuartigkeit gefeiert.

Dalí ist daher schon vor 1929 mit dem Werk von Hans Arp bekannt und wesentlich von diesem Pionier der abstrakten Kunst beeinflusst. Davon zeugen Gemälde Dalís wie die »Spektralkuh« aus dem Jahr 1928, die eindeutige Bezüge auf die biomorph- organischen Strukturen von Hans Arps Reliefs erkennen lassen.

In der Ausstellung treffen spektakuläre Arbeiten Salvador Dalís wie u. a. »Traum verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel vor dem Erwachen« (1944) oder auch »Die Metamorphose des Narziss« (1937) mit bisher nur selten gezeigten surrealistischen Holzreliefs von Hans Arp wie zum Beispiel »Blatt einer Frau« (1935) oder Bronzen wie »Die kleine Sphinx« (1942) aufeinander.

Die Begegnung der ausgestellten Werke verdeutlicht, wie sehr Dalís Arbeiten um 1928 von abstrakt-organischen Formen geprägt sind, die ähnlich wuchern, wachsen und sich wandeln, wie es für die Kunst Hans Arps typisch ist. Die weich fließenden und organischen Strukturen der Arpʼschen Skulptur scheinen geradewegs einem Gemälde Dalís zu entspringen und andersherum. Auch die Lyrik Arps bildet eine weitere Schnittmenge mit einigen von Dalís Werken. Dabei werden zahlreiche Entsprechungen ihrer unbewussten Vorstellungswelten und verrätselten Visionen anschaulich.

Dieses surrealistische Vokabular ist bei Dalí bildlich und bei Arp schriftlich in seiner Dichtkunst bis ins Spätwerk nachzuvollziehen. Wie für den Surrealismus typisch, finden wir sowohl bei Dalí als auch bei Arp traumartige und unerklärliche Bilder und Sequenzen: Uhren zerfließen oder haben Schnurrbärte, Körper haben Schubladen und Telefonhörer werden zu Hummern.

Angelehnt an den Pavillon »Dream of Venus« – den Dalí für die Weltausstellung in New York 1939 entwarf – bietet sich im Kabinett die Möglichkeit in eines der ersten Environments der Kunstgeschichte einzutauchen und damit auch in die surreale Welt Salvador Dalís. Für die richtige Atmosphäre sorgt dabei vor allem die Aufnahme des Originaltons aus eben diesem Pavillon, der mit aufwändigen Kulissen und bizarr gekleideten Akteurinnen und Akteuren inszeniert war. Zum allerersten Mal seit jener Zeit ist die verführerische Stimme der »Venus« und der Chor ihrer Verehrer*innen nun wieder zu hören.

Trotz der vielen Parallelen in den Werken der beiden Künstler verfolgen sie dennoch ihre eigenen Wege innerhalb des Surrealismus. So ist Salvador Dalí mit seinem akademischen Pinselstrich einer der wichtigsten Vertreter des veristischen Surrealismus, während Hans Arp mit seiner organischen Formensprache für den abstrakten Surrealismus steht.

Ausstellung bis 10.01.2021, arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen, arpmuseum.org

Bilder:
Oben: Kabinett: Der Traum der Venus | Salvador Dalí | 1939 | Hiroshima Prefectural Art Museum, Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres/ VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Helmut Reinelt mit Ansichten des Pavillons der Weltausstellung 1939, im Vordergrund Skulpturen von Hans Arp und das Hummertelefon von Dalí
Mitte li.: Traum verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel vor dem Erwachen | Salvador Dalí | 1944 | Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid, Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres/ VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Mitte re: Hummertelefon | Salvador Dalí | 1938 |West Dean College of Arts and Conservation, Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres/ VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Unten: Der Traum der Venus | Salvador Dalí | 1939 Hiroshima Prefectural Art Museum, Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres/ VG Bild-Kunst, Bonn 2020