Kontrastprogramm im Kunstpalast

Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker
EMPÖRT EUCH! KUNST IN ZEITEN DES ZORNS

Konträrer können die beiden neuen Ausstellungen im Düsseldorfer Kunstpalast kaum sein und doch verbindet sie eine Gemeinsamkeit: die Reflexionen der Künstler auf die Zeitumstände, die mit Kritik von verhalten über ironisch bis schockierend verbunden sind. Die Präsentationen „Caspar David Friedrich  und die Düsseldorfer Romantiker“ ebenso wie „Empört Euch! Kunst in Zeiten des Zorns“ sind einen Besuch wert!

So romantisch!

Caspar David Friedrich (1774–1840) gilt heute als einer der bedeutendsten Maler des 19. Jahrhunderts und als wichtigster Vertreter der deutschen Romantik. Die rund 130 Werke umfassende Ausstellung im Kunstpalast widmet sich dem von Kritik wie von Anerkennung geprägten Verhältnis von Caspar David Friedrich und den Düsseldorfer Romantikern. Erstmals tritt die sächsische Landschaftsmalerei in einen Dialog mit den Arbeiten ihrer Düsseldorfer Kollegen.

„Kein anderer Künstler der Romantik hat hierzulande einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie Caspar David Friedrich“, betont Felix Krämer, Generaldirektor Kunstpalast. „Dabei ist nur wenigen bewusst, dass das Werk des Greifswalder Malers ab Mitte der 1830er-Jahre in Vergessenheit geriet. Entscheidend dafür war der enorme Erfolg der Vertreter der Düsseldorfer Romantiker.“

Etwa 60 Werke Friedrichs werden gemeinsam mit den Arbeiten seiner Dresdener Malerfreunde wie Carl Gustav Carus, Ludwig Richter und Ernst Ferdinand Oehme der Malerei der Düsseldorfer Andreas und Oswald Achenbach, Carl Friedrich Lessing, Johann Wilhelm Schirmer und weiteren gegenübergestellt. Laut Friedrich sollte die Naturanschauung eine Ergründung des inneren Selbst ermöglichen; Landschaftsgemälde sollten Natur nicht nur abbilden, sondern Empfindungen wecken. Seit den späten 1820er Jahren bezogen sich Künstlerkollegen in Düsseldorf und Sachsen auf seine Werke. Allerdings entwickelten die Düsseldorfer in großformatigeren Werke mehr Dramatik und Pathos, sie erzählten Geschichten und überzeugten mit technischer Raffinesse.

Neben der heimatlichen Landschaft, den Seestücken und vom Mond beschienenen Nachtstücken wird das Freilichtstudium in der Natur als Arbeitsweise aufgegriffen. Anhand von Themen wie der Vergänglichkeit als zentralem Sujet der Romantik veranschaulicht die Ausstellung die Weiterentwicklung von der stillen Andacht Friedrichs bis zur gesellschaftskritischen Genremalerei der Düsseldorfer. Andere Gegensätze werden im Vergleich zwischen dem kontemplativen Felsenriff am Meeresstrand von Friedrich und der stürmischen Dramatik in Andreas Achenbachs „Ein Seesturm an der norwegischen Küste“ sichtbar.

Bedeutende Leihgaben aus der Alten Nationalgalerie, Berlin, der Hamburger Kunsthalle, dem Folkwang Museum Essen, dem Musée du Louvre, Paris, der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, dem Städel Museum, Frankfurt, dem Thyssen-Bornemisza Museum, Madrid, und etlichen anderen renommierten öffentlichen und privaten Sammlungen bereichern die umfangreiche Schau.

Bis 07.02.2021 Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker

SO RADIKAL!

Populismus, Fake News, rassistisch motivierte Gewalt und extremistischer Terror als Symptome kriselnder Demokratien lassen auch Künstler*innen nicht unberührt. Die Ausstellung „Empört Euch!“ präsentiert in einer Auswahl von 75 Arbeiten eine politisch und ethisch motivierte Kunst, die auf aktuelle gesellschaftliche Zustände reagiert. In Fotografien und Videos, in Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen wird die öffentliche Empörung reflektiert und kommentiert.

35 internationale Künstler*innen und Kollektive analysieren und formulieren soziale Ungerechtigkeiten, stellen Haltungen infrage, bilden Proteste ab oder rufen zum Widerstand auf. Themen sind neben Populismus und Rassismus auch Feminismus, Homophobie, Fremdenhass und die Folgen der Erderwärmung und des Finanzkapitalismus.

Ein eindrucksvolles Beispiel: Das Trauma von gewaltsam erschaffenen Grenzen, von Krieg und Vertreibung sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen prägen das Werk der bosnischen Künstlerin Šejla Kamerić. Eine zwölf Meter hohe Wand im Ausstellungsraum ist mit der überdimensional vergrößerten Arbeit „Bosnian Girl“ tapeziert. Man begegnet unausweichlich dem frontalen Blick der Künstlerin. Die hingeschmierten Worte „No teeth…? A mustache…? Smel like shit…? Bosnian Girl!“ wurden 1994/95 von einem niederländischen Soldaten an einer Kasernenwand in dem Dorf Potočari bei Srebrenica hinterlassen. Auf beklemmende Weise erinnert „Bosnian Girl“ so an den Völkermord von Srebrenica im Juli 1995. Plakate des Kunstwerks stehen zur kostenlosen Mitnahme bereit, so dass diese Arbeit auch im privaten Raum ihre Wirkung entfalten kann.

Ein weiteres Beispeil. Zum Mitmachen fordert der japanische Konzeptkünstler Yoshinori Niwa mit seiner Arbeit „Withdrawing Hitler from a private space“ an. Ein Container vor dem Kunstpalast bietet die Entsorgung von nationalsozialistischen Relikten an. In Anzeigen der lokalen Pressewird dazu aufgerufen, Memorabilia der Nazizeit mitzubringen, die dort gesammelt und am Ende der Ausstellung vollständig vernichtet werden. Über E-Mail besteht zudem die Möglichkeit, in Kontakt mit dem Künstler und dem Museum zu treten.

„Mit der Ausstellung geben wir kritischer Gegenwartskunst einen öffentlichen Raum“, erklärt Felix Krämer. „Das durch die Corona-Pandemie geprägte Zeitgeschehen hat die Aktualität vieler in der Ausstellung thematisierter Problematiken verschärft, andere verdrängt und wieder neue Konflikte ausgelöst, die zu Empörung und Protesten führen.“

EMPÖRT EUCH! KUNST IN ZEITEN DES ZORNS
Bis 10. Januar 2021

Kunstpalast Düsseldorf, kunstpalast.de

Bilder:
Oben: Außenansicht Kunstpalast, Düsseldorf (Foto: Katja Illner)
Mitte:
Caspar David Friedrich
Das Riesengebirge (vor Sonnenaufgang), um 1830-1835, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie (Foto: Andres Kilger
Küstenlandschaft im Mondschein, 1818, Paris, Musée du Louvre, Department of Paintings, bpk / RMN (Foto: Jean-Gilles Berizzi)
Andreas Achenbach, Ein Seesturm an der norwegischen Küste, 1837, Städel Museum, Frankfurt am Main,
Unten:
Julian Röder, Protests against EU Summit in Thessaloniki IV, 2003 Privatsammlung