Ai Weiwei – In Search of Humanity

Ai Weiwei – berühmt als Menschenrechtsaktivist – zählt zu den einflussreichsten Künstlern unserer Zeit. Seine bislang umfangreichste Retrospektive im Albertina Wien gibt Einblick in alle Schaffensphasen seiner mehr als vier Jahrzehnte währenden Laufbahn und lässt seine unvergleichbaren ästhetischen Gestaltungsprinzipien erkennen.

Die frühen Objekte Ais verknüpfen logisch und funktional nicht zusammengehörige Gegenstände zu einer überraschenden Rätselhaftigkeit: Eine Schaufel zieht sich einen warmen Pelz über, zwei Schuhe paaren sich wie ineinander verkeilte Mistkäfer. Er befreit die Dinge von ihrem Gebrauchswert und fügt Fundstücke zu einer neuen Objektwelt zusammen.

Fragmente, Deformationen und Überreste aller Arten bevölkern Ais Werk. In ihm spiegelt sich das Erlebnis der schrecklichen Jahre der „Kulturrevolution“, ihres Vernichtungsfeldzugs im Dienst der maoistischen Umerziehung des Volkes. Das ästhetische Prinzip der Destruktion sensibilisiert den Künstler für die Entdeckung zerstörter Skulpturen, deren Fragmente Ai wie kostbare Reliquien präsentiert. Später – unter dem Eindruck der bewaffneten Auseinandersetzungen in Syrien – fahndet er nach Bruchstücken, die die Zerstörungswut von Krieg anprangern.

All diese Readymades – das Laufband von Julian Assange oder der mit geheimem NSA-Material gefüllte Stoffpanda – lassen uns die Welt auf ungebräuchliche Weise wahrnehmen. Ohne das Arrangement der von Flüchtlingen am Strand hinterlassenen Schwimmwesten, die sich wie eine Lotosblume um eine tonnenschwere Kristallkugel legen, würde die Katastrophe der Migranten bald wieder unanschaulich werden: vergessen durch Gewöhnung.

Ein weiteres Gestaltungsprinzip ist die Metamorphose. Die Verwandlung mittels Marmor etwa, setzt den Dingen ein Denkmal: Es sind Erinnerungen an seine Kindheit, Traumata seiner Gefangenschaft, Türen abgerissener Häuser, die der Modernisierung Chinas zum Opfer gefallen sind. Ai präsentiert seine Handschellen im kostbaren Gefäß einer edlen Vitrine oder stellt steinerne Monumente auf einen Sockel. Ertrunkene Flüchtlinge, von Heuschrecken leergefressene Kornfelder oder die Navigationsroute der Sea-Watch 3 baut Ai aus bunten Legosteinen zu beunruhigenden Bildern. Lego, das berühmteste Spielzeug der Welt, verliert seine kindliche Unschuld. Der visuelle Scherz bekommt eine tiefere Bedeutung. Die von diesen Metamorphosen ausgehende Verwirrung, die Verwandlung von Dingen in unbrauchbare Monumente, öffnet das Tor zu weitreichenden politischen Assoziationen und Interpretationen. Nie war Konzeptkunst anschaulicher, sinnlicher und engagierter.

Bis 04.09.2022, Albertina modern, Wien, http://www.albertina.at

Biografie des Künstlers

1957 Geboren in Peking

1958–1976 Kindheit und Jugend in der Verbannung
Ai Weiweis Vater Ai Qing, einer der berühmtesten Dichter Chinas, gilt als Regimekritiker und wird als „Rechtsabweichler“ mit seiner Familie verbannt. Während Mao Zedongs „Kulturrevolution“ – der vor keiner Zerstörung und Unterdrückung zurückschreckenden, groß angelegten Umerziehung des chinesischen Volkes – leben sie in einem Lager in der Provinz Xinjiang unter ärmlichsten Bedingungen in einem Erdloch. Ai Qing wird die Reinigung der Latrinen zugeteilt, täglich ist er öffentlichen Demütigungen ausgesetzt. Mit dem Tod von Mao darf er nach Peking zurückkehren und wird rehabilitiert.

1978-1979 Als junger Künstler in Peking
Ai Weiwei schreibt sich an der Pekinger Filmakademie ein. Sein Jahrgang ist der erste, der seit der „Kulturrevolution“ zugelassen wird. Er nimmt an der Ausstellung der Künstlergruppe Stars teil, die sich von den ästhetischen Leitlinien der Kommunistischen Partei Chinas distanziert.

Unter dem neuen Vorsitzenden der Partei, Deng Xiaoping, beginnt der ungebremste wirtschaftliche Aufschwung Chinas, eine radikale Modernisierung der Gesellschaft mit kapitalistisch ausgerichteter Marktwirtschaft. Der Einparteienstaat und die Einschränkung der Meinungsfreiheit werden nicht in Frage gestellt.

1981–1993 Künstlerische Prägung in den USA
Nach dieser Öffnung zum Westen geht Ai als einer der Ersten zum Studium in die USA. In New York ist er fasziniert vom Minimalismus, von Konzept- und Raumkunst, Performance, Dada und Pop Art. Er gelangt zur wegweisenden Erkenntnis, dass Kunst auch eine Lebensweise, eine Haltung sein kann.

1993–1997 Rückkehr nach China: Umgang mit chinesischem Kulturgut
Ai zieht zurück nach Peking, um sich um seinen kranken Vater Ai Qing zu kümmern, der 1996 stirbt. Er sammelt neolithische Gefäße und alte chinesische Möbel, deren Handwerkskunst er bewundert, welche er aufgrund der rigorosen Modernisierung und zunehmenden kapitalistischen Massenproduktion gefährdet sieht. Er bezieht die uralten Traditionen Chinas in seine Kunst ein. Zugleich veröffentlicht er Untergrundpublikationen zur chinesischen Avantgarde.

2000-2008 Tätigkeit als Architekt
Ai gründet sein Design- und Architekturstudio Fake Cultural Development Ltd. Gemeinsam mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entwirft er das Nationalstadion für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking. Später kritisiert er die Abhaltung der Spiele als Propaganda des chinesischen Regimes.

2005 Blog für Meinungsfreiheit, gegen Korruption und Zerstörung der chinesischen Kultur
Ai startet einen regimekritischen Blog, in dem er sich gegen Zensur, die Beschränkung individueller Freiheit und die Zerstörung der Kultur Chinas wendet. Er erreicht damit erstmals ein breites Publikum. Das Chinesische Ministerium für Staatssicherheit startet 2003 das Projekt „Goldener Schild“, auch „Große Firewall von China“ genannt: Alle als subversiv eingestuften Online-Informationen werden staatlich überwacht. Auch Ais Blog wird zunächst zensiert und 2009 geschlossen. Sein Name wird gänzlich aus dem chinesischen Internet eliminiert.

Ab 2007 Erste internationale Erfolge
Große internationale Erfolge stellen sich ein, u. a. auf der documenta in Kassel (2007), im Haus der Kunst in München (2009) und in der Tate Modern in London (2010).

2008 Erdbeben in Sichuan
Bei dem verheerenden Erdbeben in Sichuan mit über 90.000 Toten sterben mehr als 5000 Kinder, weil ihre Schulen mit minderwertigem Baumaterial gebaut worden sind: Ai beschuldigt die korrupten Behörden und die Bauwirtschaft der Bereicherung. Da die Behörden die Angelegenheit vertuschen wollen, recherchiert Ai in mehrjähriger Arbeit mit Dutzenden Helfern die Anzahl der in den Schulen umgekommenen Kinder und veröffentlicht deren Namen.

2009-2011 Staatliche Repressalien und Festnahme
2009 wird Ai zum ersten Mal festgenommen, was ihn daran hindert als Zeuge zugunsten des Aktivisten Tan Zuoren auszusagen. Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises 2010 an den chinesischen Systemkritiker Liu Xiaobo greift die Kommunistische Partei Chinas hart gegen mehr als 200 Dissidenten durch: Anwälte, Aktivisten und Schriftsteller werden verhaftet und zum Schweigen gebracht. Auch Ais Studio wird wegen angeblich „nicht sachgemäßer Nutzung“ von den Behörden abgerissen. Die Geheimpolizei hält Ai ohne Anklage und ohne Verurteilung für unbestimmte Zeit an einem unbekannten Ort fest.

2011-2015 Dissident in China
Nach 81 Tagen und internationalen Protesten kommt Ai gegen Kaution frei, steht aber weiterhin unter strengster Überwachung. Es wird ihm untersagt zu reisen. Ai äußert weiterhin Kritik am Regime und macht mithilfe seiner Kunst selbst die Umstände seiner Gefangenschaft publik. Als Dissident setzt er sich auch über China hinaus für politische Transparenz und Meinungsfreiheit ein.

2015 Flüchtlingskrise: In Search of Humanity
Erst 2015 erhält Ai seinen Reisepass von den chinesischen Behörden zurück. Er zieht nach Berlin. Dort wird er im Herbst Zeuge der Auswirkungen der Flüchtlingskrise und der damit verbundenen politischen Diskussionen in Europa. Fortan macht er die weltweite Situation Flüchtender, die er neben der Einschränkung der Meinungsfreiheit als eine der größten humanitären Krisen versteht, zu seinem wichtigsten Thema.

Ab 2015 Internationaler Menschenrechtsaktivist
Durch die Verlagerung seines Lebensmittelpunkts nach Europa positioniert Ai sich in seiner Rolle als Künstler und Aktivist noch stärker als Verfechter von Menschenrechten und demokratischen Grundwerten und bezieht bei aktuellen Ereignissen Stellung. Ai Weiwei lebt und arbeitet derzeit an mehreren Orten, darunter Peking, Berlin, Cambridge (England) und Montemor-o-Novo bei Lissabon.

Bilder:
Oben: Feet Buddha, 2003, Privatsammlung
Mitte: li: Grapes, 2011, Privatsammlung / mi: Forever Bicycles, , 2003, Privatsammlung / re: Forge Detail, 2008, 2012

(Fotos: Lisa Rastl, Reiner Riedler)
Unten li : Crystal Ball 2017, Privatsammlung (Foto Courtesy Ai Weiwei Studio, 2022)
Unten li: A metal door with bullet holes, 2015,Privatsammlung (Foto Courtesy Ai Weiwei Studio, 2022) /

re: Circle of animals, Zodiac Heads gold, 2010, Privatsammlung, (Foto: Lisa Rastl, Reiner Riedler)
Biographie: Ai Weiwei | Courtesy Ai Weiwei Studio, Foto: Gao Yuan