„NEW YORK 9/11“ – Neues Asisi-Panorama über die Stadt, die niemals schläft

Am 11. September 2001 um 8:46 Uhr hielt die Welt den Atem an, als die bekannten Twin Towers des World Trade Centers in New York City zum Ziel eines schrecklichen Terror-Anschlages wurden. Nur fünf Minuten zuvor erschien der Alltag in der Weltmetropole so normal wie an jedem anderen Tag. Genau diesen Zeitpunkt, 8:41 Uhr, hat der Künstler Yadegar Asisi in seinem neuesten 360-Grad-Panorama festgehalten. Ab dem 9. April 2022 können sich Besucher auf eine Reise in die Vergangenheit von New York City machen und das bereits vierte Anti-Kriegsprojekt des Leipziger Künstlers betrachten.

Das Panorama ermöglicht einen Blick auf die Stadt am Morgen des 11. Septembers 2001. Die Betrachter befinden sich inmitten von Hochhäusern auf dem Friedhof der St. Paul’s Chapel, einem der ältesten Friedhöfe der Welt. Die Kirche selbst blieb damals weitestgehend von den Auswirkungen der Anschläge verschont.

„NEW YORK 9/11 – Krieg in Zeiten von Frieden“ ist das erste Panorama, welches ebenerdig präsentiert wird. Somit wird das Gefühl erweckt, selbst ein Fußgänger auf den Straßen Manhattans zu sein. Mit dem heutigen Wissen um die Katastrophe, die sich nur wenige Minuten später ereignete, erscheint der vermeintlich friedliche Trubel im morgendlichen Manhattan als eine utopische Momentaufnahme. Für Yadegar Aisisi stehen dabei das Bewusstsein um die menschliche Endlichkeit und die Frage nach unserer Reaktion auf Gewalt als Teil des ewigen Kreislaufs aus Werden und Vergehen im Mittelpunkt.

Asisi vermittelt mit seiner neuesten Ausstellung, dass das Leben nur eine Momentaufnahme ist, die sich jederzeit ändern kann. Auch, wenn die Ausstellung als Anti-Kriegsprojekt deklariert wird, arbeitet Asisi nicht mit Bildern des Krieges – sondern mit den Bildern in den Köpfen der Betrachter. Er entschied sich bewusst dagegen, die Ruinen und die Verwüstung nach der Tragödie zu zeigen.

Der Weg durch die Ausstellung führt in einer umgekehrten Chronologie aus der heutigen Zeit zurück bis zum 11. September 2001. Auf dem Weg zum Panorama symbolisieren fünf einzigartige Installationen die weniger beschriebenen Folgen jenes Schicksalstages: Das verursachte Leid in den Ländern des Mittleren Osten, die Folgekosten des sogenannten „Krieges gegen den Terror“, die Schicksale von Flüchtlingen und Zeitzeugen sowie all die namenlosen Opfer von Folter, Kampfhandlungen und Verfolgung als unmittelbare Auswirkung von 9/11.

So eröffnet sich für die Besucher ein Blick auf die vergessene Seite des Leids abseits der häufig auf den Westen fokussierten Erinnerungskultur. Ergänzt werden die Installationen von Beiträgen ausgewählter Gastautoren wie u.a. Shida Bazyar, Margot Käßmann und Wim Wenders. Für Gänsehaut sorgen zudem die unzähligen Striche auf dem Fußboden, über den die Besucher der Ausstellung laufen: Jeder einzelne Strich steht für ein Opfer der Kriege infolge dieses Attentats.

Umrahmt von einer Panoramamusik und Soundscape von Eric Babak, will Asisi die Betrachter zum Nachdenken über elementare Fragen bringen: Wieso wird Terrorismus mit Angriffskriegen beantwortet? Wie geht man mit Flucht und Vertreibung um? Wieso vergessen wir so schnell, wenn uns Leid und Krieg nicht unmittelbar selbst betreffen? Die Ausstellung stellt nicht die Frage nach Schuld und Unschuld, sondern hinterfragt die westlich geprägte Rezeption der Ereignisse.

„Das Thema 9/11 beschäftigt mich von Anfang an. Der Zufall wollte es, dass ich direkt nach den Anschlägen involviert war in den Wettbewerb zum Wiederaufbau des World Trade Centers im Team des Architekten Daniel Libeskind. So stand ich 2002 auch wirklich in diesem Loch am Ground Zero. Diese Begegnung mit dem Ort direkt am Schauplatz der Anschläge macht natürlich etwas mit einem selbst“, sagt Yadegar Asisi. Genau solch ein Gefühl will der Künstler mit seinem Werk auch in den Betrachtern hervorrufen. Ein Vorstellungszyklus dauert 12 Minuten, nach neun Minuten ändert sich schlagartig das Licht und die Musik. Obwohl noch immer das gleiche Motiv zu sehen ist, wird plötzlich eine völlig neue Atmosphäre geschaffen: Der Betrachter hört den Puls der Zeit schlagen, der in dem Moment zum Stillstand kommt, als die Flugzeuge in die Twin Towers einschlagen.

Diese Ausstellung ist für mindestens ein Jahr im Panometer Leipzig zu sehen.

www.asisi.de

http://www.panometer.de

(Fotos: Karolin Kelm)