Jules Chéret. Plakatkunst der Belle Époque

Jules Chéret – Paris Ende des 19. Jahrhunderts: Die Stadt zieht Künstler und Intellektuelle an, die Wirtschaft boomt, das Nachtleben ist legendär. Das Straßenbild prägen bunte Reklamedrucke, mitunter überlebensgroß, die moderne Konsumgüter und Freizeitvergnügen ankündigen. Eine neue Kunstform ist geboren – das Plakat –, als dessen „Vater“ und „König“ Jules Chéret (1836 in Paris – 1932 in Nizza) gilt.

Chéret dient meist eine junge, kokett lächelnde Dame als zentraler Blickfang. Im eleganten Pelzcape gleitet sie über die glatte Eisfläche des „Palais de Glace“ auf der Champs-Élysées, um das winterliche Vergnügen des Eislaufens zu bewerben, oder dominiert in weiten, wehenden Röcken Theaterbühnen und Tanzparketts. Mit graziler Handhaltung präsentiert sie Petroleumlampen und Kirschlikör – oder vergnügt sich mit Freunden bei einer Achterbahnfahrt. Schnell avanciert dieser Frauentypus, die sogenannte Chérette, zu einer überaus erfolgreichen Werbe-Ikone – und zum Markenzeichen von Chéret. Männliche Begleiter, wenn überhaupt auf seinen Entwürfen vorhanden, sind lediglich im Hintergrund zu erahnen.

Chérets Plakate hingen an Litfaßsäulen, Hauswänden und den damals zahlreichen Pariser Bauzäunen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Architekt Georges Eugène Haussmann die französische Hauptstadt zu einer modernen Metropole umbaute, boten breite Boulevards großzügige Sichtachsen für auffällige Werbeflächen. Zeitgenossen betitelten die Pariser Plakatwände, die das Erscheinungsbild der Metropole prägten, tatsächlich auch als „Galerie der Straße“.

Schon zu seinen Lebzeiten stachen Chérets Plakate heraus, sie wurden preisgekrönt und zu begehrten Sammelobjekten. Beliebt war ihr heiterbeschwingter Stil, der das unbeschwerte Lebensgefühl der Belle Époque wiedergibt. Mancher Passant zog seine Plakate begeistert direkt von der Hauswand ab, andere erwarben eigens Sammlerausgaben, die das Plakatmotiv ohne „störende“ Werbeschrift wiedergeben. Handlicher waren Sonderdrucke in kleinerem Format, die Magazinen und Zeitschriften beilagen.

Über zwei Jahrzehnte beherrschen Chérets Motive den Markt. Die Liberalisierung von Varieté und Vergnügungslokalen sowie der Aufschwung von Wirtschaft und Handel ließen die Nachfrage nach neuen Reklamen stetig steigen. Auch in anderen Großstädten Europas und Amerikas lösten Chérets Motive eine große Plakatbegeisterung, eine „Affichomanie“, aus – der Siegeszug dieses Mediums der Moderne begann.

Neben den lebensfroh-charmanten Motiven überzeugte die hohe künstlerische Qualität. Als Sohn eines Druckers von klein auf mit Drucktechniken vertraut, optimierte Chéret in den 1870er Jahren das Druckverfahren der Farblithografie und gründete eine eigene Druckanstalt. Maximal fünf Farben setzte er ein, die er mittels Spritztechnik aufs Blatt brachte. Durch das Überlagern der Farbschichten ließen sich kostengünstig zusätzliche Mischtöne und damit auch eine Tiefenräumlichkeit erzeugen. Zudem erwarb Chéret moderne Lithopressen, die es ihm ermöglichten, Großformate zu produzieren. So entwickelte er das Werkeplakat zu einer eigenständigen Kunstform.

Mehr als 1.200 Motive entwarf Chéret in unterschiedlichen Formaten, die vom kulturellen Pariser Leben und der französischen Konsumwelt zeugen. Die kleine Präsentation in der Dauerausstellung zum 20. Jahrhundert zeigt eine Auswahl von 16 Plakaten, bei denen es sich größtenteils um Dauerleihgaben aus der Oschmann-Stiftung in der Grafischen Sammlung handelt. Sie veranschaulichen eindrucksvoll die Bedeutung von Chéret für die Entwicklung und Bedeutung der europäischen Plakatkunst

Bilder:
Oben: L’Enfant Prodigue, 1896,
Unten: li: Saxoléine, Pétrole de Sûreté, 1896 / re: Palais de Glace auf der Champs-Elysées, 1896
Alle Plakate von Jules Chéret, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Dauerleihgabe der Oschmann-Stiftung