
Das Paula Modersohn-Becker Museum, das zusammen mit der Paula-Modersohn-Becker-Stiftung die weltweit umfangreichste öffentliche Sammlung ihrer Werke besitzt, nimmt den 150. Geburtstag seiner Namensgeberin zum Anlass für die große Sonderausstellung. Sie zeigt, wie die Malerin schon in ihrer Studienzeit ihren eigenen, freien und selbstständigen künstlerischen Weg ging und diesen bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1907 konsequent verfolgte. Neben ihrem weitgehend und bekannten Frühwerk und den berühmten Bildern ihrer letzten Lebensjahre rückt die Ausstellung erstmals auch die Rezeption der Malerin im 20. und 21. Jahrhundert in den Fokus. Wer war Paula Modersohn-Becker und was sagen uns ihre Werke noch heute? Mehrere umfangreiche Retrospektiven haben die Malerin in den vergangenen Jahren auch einem internationalen Publikum nahegebracht.
Die Ausstellung bietet mit rund 80 Gemälden und Papierarbeiten aus der Museumssammlung, den reichen Beständen der Paula-Modersohn-Becker-Stiftung sowie selten gezeigten Arbeiten aus Privatbesitz und Leihgaben weiterer Institutionen einen fulminanten Einblick in die Facetten dieser einzigartigen Künstlerinnenbiografie.

Doch wie kam es dazu, dass diese junge Frau, 1876 in Dresden geboren und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bremen, London, Berlin, Worpswede und vor allem Paris künstlerisch sozialisiert, eine der auch international erfolgreichsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts werden konnte? Wie wurde aus Paula Becker die Künstlerin Paula Modersohn-Becker – und letztlich als Kunstfigur ›Paula‹ eine Projektionsfläche, die heute in Literatur, Film und Kunst breit rezipiert wird?
Die Ausstellung stellt dem heutigen Blick auf die Künstlerin ihren Werdegang entgegen. So erschließt das erste Kapitel Paula Modersohn-Beckers persönliches und professionelles Netzwerk – mit Porträts von Clara Rilke-Westhoff, Rainer Maria Rilke, Martha Vogeler, Lee Hoetger, der Schwester Herma und anderen. Darauf folgen Studienarbeiten und frühe Werke, die in London und Berlin entstanden.
Es ist eine verhältnismäßig kurze Schaffenszeit. Paula Modersohn-Becker blieben nur rund zehn Jahre, um ein respektables Werk von nahezu 750 Bildern und über 1400 Zeichnungen zu schaffen. Die Ausstellung zeigt eine Zeitreise von 1892 bis 1907, die entlang einiger ihrer enigmatischen und berührendsten Bilder und Zeichnungen führt. In faszinierenden Pastellzeichnungen dringt Paula Modersohn-Becker in das Wesen der Porträtierten vor, ohne Pathos oder Sozialkritik.
Natürlich folgt die Ausstellung der Künstlerin auch nach Worpswede, wo sie als Absolventin des ›Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin‹ unter Korrektur von Fritz Mackensen arbeitete. Hier wird der Akt zu dem zentralen Bildthema, das die Malerin bis zu ihrem frühen Tod beschäftigen wird. Dabei gelangt Modersohn-Becker zu ungewöhnlichen, unverstellten und direkten Bildfindungen, die in der Kunstgeschichte ihresgleichen suchen.



BIOGRAFIE

1876
Minna Hermine Paula Becker wird am 8. Februar als drittes von sieben Kindern in Dresden geboren.
1888
Übersiedlung der Familie nach Bremen.
1892
Paula Becker erhält ersten Zeichenunterricht.
1893–95
Auf Wunsch des Vaters besucht sie das Lehrerinnenseminar in Bremen.
1896–98
Mehrere Aufenthalte in Berlin, wo sie eine eineinhalbjährige Ausbildung im ›Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin‹ erfolgreich abschließt. 1897 Eintritt in die Malklasse von Jeanna Bauck und erster Besuch in Worpswede. Paula Becker entschließt sich spontan, den Sommer dort zu verbringen, um zu malen. Sie lernt Otto Modersohn kennen. 1898 übersiedelt sie nach Worpswede, wo zahlreiche Landschaftsstudien entstehen. Beim Aktzeichnen arbeitet sie unter Korrektur von Fritz Mackensen.
1899
Die Ausstellung einiger Studien in der Bremer Kunsthalle ruft eine vernichtende Kritik Arthur Fitgers in der Weser-Zeitung hervor: »Unsere heutigen Notizen müssen wir leider beginnen mit dem Ausdrucke tiefen Bedauerns darüber, dass es so unqualifizierbaren Leistungen wie den sogenannten Studien von Maria Bock und Paula Boecker gelungen ist, den Weg in die Ausstellungsräume unserer Kunsthalle zu finden, ja dass man ihnen ein ganzes Cabinet eingeräumt hat, aus dem zuvor die gewöhnlich dort befindlichen Schätze unserer ständigen Sammlungen entfernt worden sind«. Die Kritik verstört die Malerin; noch am selben Tag holt sie ihre Werke aus der Kunsthalle ab. Fitgers Beitrag wird auch in konservativen Kreisen kritisch aufgenommen. Der Maler Carl Vinnen und der Direktor der Kunsthalle Gustav Pauli äußern sich öffentlich über Fitgers Schmähkritik.
1900
In der Silvesternacht reist Paula Becker nach Paris. Sie zeichnet und malt in der Aktklasse an der privaten Académie Colarossi und betreibt eigene Studien im Louvre. Erstmals sieht sie Werke von Paul Cézanne, die sie sehr beeindrucken.
1901
Am 25. Mai heiratet sie Otto Modersohn, der seine dreijährige Tochter Elsbeth mit in die Ehe bringt.
1903
Anfang Februar reist Modersohn-Becker zum zweiten Mal nach Paris. Erneut besucht sie zum Aktzeichnen die Académie Colarossi. Intensive Auseinandersetzung mit ägyptischen Mumienporträts.
1905
Während ihres dritten Paris-Aufenthalts meldet sie sich für einen Monat an der Académie Julian an, um Akt zu zeichnen und zu malen. Sie besucht u. a. die Ateliers von Édouard Vuillard und Maurice Denis und sieht in Ausstellungen Werke von Matisse und den Fauves, van Gogh, Seurat und Gauguin. Der befreundete Dichter Rainer Maria Rilke schreibt an Karl von der Heydt: »Das merkwürdigste war, Modersohns Frau an einer ganz eigenen Entwicklung ihrer Malerei zu finden, rücksichtslos und gradeaus malend, Dinge, die sehr worpswedisch sind und die doch noch nie einer sehen oder malen konnte«.
1906
Am 23. Februar trennt sie sich von Otto Modersohn und fährt nach Paris, um dort als Künstlerin zu leben. Im März/April Besuch der Anatomie- und Aktkurse an der École des beauxarts.
Bekanntschaft mit Bernhard und Helene (Lee) Hoetger. Am 4. Mai sieht Hoetger in Paula Modersohn-Beckers Atelier ihre Arbeiten und ist überzeugt von ihrem großen Talent: »Dort erlebte ich still und ergriffen ein Wunder. Sie hing an meinen Lippen. Ich konnte ihr nur sagen: ›Es sind alles große Werke, bleiben Sie sich selbst, geben Sie den Besuch der Schule auf‹«. Im Herbst Versöhnung mit Otto Modersohn, der den Winter mit ihr in Paris verbringt.
1907
Ende März Rückkehr nach Worpswede. Am 2. November wird die Tochter Mathilde geboren. Am 20. November stirbt Paula Modersohn-Becker an einer Embolie.
Ausstellung bis 13.09.2026, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen,
http://www.museen-boettcherstrasse.de
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