Industrieinsekten

Die LWL-Museen für Industriekultur bieten einen idealen Rahmen, um sich mit dem Insektensterben und der Biodiversität auseinanderzusetzen. Durch ihre kulturelle Arbeit erhalten sie ehemalige Industrieflächen und machen sie für neue Zwecke zugänglich. Museen, Gastronomie und Freizeitangebote ersetzen die Schwerindustrie und füllen die Industriebrachen mit Leben. Verschiedene Veranstaltungen beleben die Räume und vermitteln auf vielfältige Weise das Wissen über die Geschichte der Industrie.

Neben der Kultur spielt auch die Natur eine veränderte Rolle. Was einst von der Industrie überformt wurde, erobert sich nun, wenn auch in anderer Form, die Industriebrachen zurück. Die Natur lässt sich nicht verdrängen und zeigt ihre Präsenz. Während die imposanten Industriebauten das Ruhrgebiet prägen, vergessen wir oft, dass unter unseren Füßen eine ganz andere Welt existiert.

Die Fotografien von Ute Matzkows und Klaus Rieboldt ermöglichten einen Perspektivwechsel und einen neuen Blick auf Insekten. Über vier Jahre hinweg haben sie Insekten in ihrem natürlichen Lebensraum aufgespürt, in Szene gesetzt und somit das Herzstück des Projekts „IndustrieInsekten“ geschaffen.

Lebensraum Wasser

Am Kanal und an der Aa: Wasserflächen finden sich zwar auf dem Gelände von noch mehr Museen, doch stehen diese beiden ganz besonders dafür.

Schiffshebewerk Henrichenburg – Waltrop
Zwischen 1899 und 1989 wurden bei Waltrop je zwei Schiffshebewerke und Schleusen errichtet. So überwanden Schiffe eine 14 Meter hohe Geländestufe auf ihrem Weg von Dortmund an die Nordsee. Eine künstliche Landschaft, geprägt von stehenden Gewässern in Kanälen und Häfen, entstand. Industrie mit dem Ausstoß von Schadstoffen hat es hier nie gegeben. Am Wasser tummeln sich viele Insekten. Alteingesessene Arten wie Flussbarsche und Hechte, Graureiher und Kormorane finden sich im „Schleusenpark Waltrop“ ebenso wie eingewanderte Neuankömmlinge, darunter Kanadagänse.

Zwischen Schotter, Kies und Lehm

Brachflächen finden sich an allen der LWL-Industriemuseen, weshalb auch die dort lebende Blauflügelige Ödlandschrecke für den gesamten Verbund steht. Besonders abwechslungsreiche Brachen aus Schotter, Steinen, Lehm und Sand finden sich aber bei diesen beiden Museen.

Henrichshütte – Hattingen
Seit 1854 veränderte die Henrichshütte das Ruhrtal bei Hattingen nachhaltig. Heute gibt es hier eine Mischung aus Gewerbe, Landschaftspark und Industriebrache. Mancherorts erobert sich die Natur nun das Gelände zurück und schafft so neue Lebensräume. Auf Schotter und Gleisen entwickeln sich wärmeliebende Pflanzen und Tiere. Das Bessemer-Stahlwerk hält zahlreiche Verstecke im Mauerwerk bereit. Im Möllergraben besiedeln Wasserinsekten ein Feuchtbiotop. Auf den blütenreichen Brachflächen sind Schmetterlinge und Heuschrecken ebenso zu Hause wie Käfer und Wildbienen.

Textilwerk – Bocholt
Die Bocholter Textilindustrie siedelte sich 1850 an den Ufern des Flüsschens Aa an, um ihm Wasser zu entnehmen und Abwässer einzuleiten. Hierzu wurde die Aa durch Schleusen reguliert. Nach 1960 wurde das Flussbett vertieft und die Ufer mit Wänden gefasst – zu Lasten der biologischen Vielfalt. Mit der „Regionale 2016“ begann das „kubaai-Projekt Renaturierung“ beim Textilwerk. Die Uferbefestigung wurde rückgebaut, künstliche Inseln und eine Feuchtzone dienen Wasserinsekten als Lebensraum.

Ziegelei Lage – Lage
Inmitten von Äckern wurden 70 Jahre lang Lehm abgebaut und Ziegel gebrannt. Heute bietet die ehemalige Ziegelei Beermann in Lage mit Gleisen, Grün- und Schotterflächen sowie Auffangbecken eine Vielfalt an Lebensräumen für Insekten. Am Wasser leben Libellen zwischen Sumpfpflanzen. Geschotterte Gleisanlagen mit wärmeliebenden Pflanzen ziehen Schmetterlinge und Wildbienen an. Auf Lehm- und Sandhaufen finden Käfer, Wespen und Spinnen Nahrung. Ziegelmauern und die vielen offenen Dächer der Trockenschuppen bieten ungestörte Bruträume für solitäre Bienen und Wespen.

Lebensraum Wald & Wiese

Die Natur erholt sich auf dem ehemaligen Industriegelände. Neue Biotope entstehen und Pflanzen können ungestört wachsen. Besonders bei den drei Zechen ist das zu beobachten, aber auch dort wo Glas geblasen wird, finden Insekten neuen Lebensraum.

Glashütte Gernheim – Petershagen-Ovenstädt
Am Ufer der Weser liegt seit 1812 die Glashütte Gernheim. Während des Betriebs haben Arbeiter Sand, Kohle und Asche aufgeschüttet und das Umfeld ihren Bedürfnissen angepasst. Unter dem schwefelhaltigen Kohlenrauch der Produktion litten auch die Pflanzen.

Die Produktion ist seit 130 Jahren eingestellt. In den Hüttengebäuden sind heute Wohnungen und das Museum. Insekten finden hier Bienenstöcke, Obstbäume und Wiesen, die selten gemäht werden. Die Anlage von insektenfreundlichen Blühwiesen ist geplant.

Zeche Zollern – Dortmund
Seit der Stilllegung der Dortmunder Zeche Zollern 1966 erobert die Natur sich den vom Bergbau gezeichneten Raum zurück. Rund um die Zechengebäude siedelten sich die Schwarze Königskerze, der Gewöhnliche Natternkopf und der Weiße Steinklee an. Den Pflanzen folgten die Insekten. Auch zahlreiche Vogelarten und Kleinsäuger sind auf dem Gelände wieder zu Hause. Das trocken-warme Klima auf den geschotterten Gleisanlagen ist heute der ideale Lebensraum für wärmeliebende Insekten.

Zeche Hannover – Bochum
Früher war die Zeche Hannover in Bochum ein Bergwerk, ein Ort wo Steinkohle aus dem Boden geholt wurde. Das hatte auch Folgen für die Natur: Unbrauchbares Gestein und Asche wurden zu Halden aufgeschüttet, Abwässer landeten im Hordeler Bach und schädigten die Pflanzenwelt. Nach der Stilllegung 1973 bot die Brache mit Geröll und mageren Wiesen den Insekten wieder ausreichend Unterschlupf und Nahrung. Wildbienen, Tag- und Nachtfalter siedelten sich an. Das Museum unterstützt das Aufblühen der Industrienatur: Rund um das Feuchtbiotop sind seltene Kröten daheim und am Malakowturm nisten Turmfalken.

Zeche Nachtigall – Witten
Die Steinkohlenzeche Nachtigall liegt am Rande des bewaldeten Wittener Muttentals. Die Bergwerke verbrauchten viel Holz zum Grubenausbau. Schnell wachsende Bäume sollten die fehlenden ersetzen. Über 100 Jahre nachdem die letzten Zechen im Muttental ihren Betrieb eingestellt haben, bieten heute dagegen Eichenbestände einen idealen Lebensraum für den stark gefährdeten Hirschkäfer.

Ausstellung bis 01.11.2026
http://www.zeche-zollern.lwl.org/de/ausstellungen/industrieinsekten/