Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland 

Max Liebermann war der Wegbereiter der ersten künstlerischen Avantgarde in Deutschland. Mit seinem frühen und richtungs- weisenden Blick nach Frankreich leitete er eine Erneuerung der Malerei ein, die den deutschen Impressionismus nachhaltig prägt. Anhand von über 110 Werken aus mehr als 60 internationalen Sammlungen zeigt das Museum Barberini, Potsdam, eindrucksvoll die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland in seiner ganzen Bandbreite.

Im Zentrum steht Liebermann in seinen Rollen als Künstler, Sammler und Präsident der Berliner Secession, der entscheidende Impulse für die Internationalisierung des deutschen Kunstbetriebs gab. Zugleich macht die Ausstellung sichtbar, wie eine neue Generation von Malerinnen und Malern – inspiriert von der französischen Moderne – Themen wie pulsierende Stadtansichten, Freizeit- und Naturdarstellungen, Kinderporträts und Theaterszenen künstlerisch weiterentwickelte.

Der Blick nach Frankreich

Max Liebermann setzte sich über die engen Vorstellungen der kaiserlichen Kunstpolitik hinweg und wurde um 1900 zum Vorbild für viele Künstlerinnen und Künstler in Deutschland. Als Präsident der Berliner Secession und der Preußischen Akademie der Künste trug er maßgeblich zur Internationalisierung des Kunstbetriebs bei. Früh sammelte er Werke französischer Impressionisten, die für ihn den Maßstab zeitgenössischer Kunst darstellten, und beriet den damaligen Direktor der Nationalgalerie in Berlin, Hugo von Tschudi, bei dessen Ankäufen in Paris.

Der Blick nach Frankreich spielte für die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland von Beginn an eine entscheidende Rolle. Die im Frankreich der 1860er Jahre entstandene Malerei faszinierte durch kräftig leuchtende Farben und eine energische, skizzenhafte Pinselführung. Neben Liebermann bezogen zahlreiche weitere Malerinnen und Maler ihre Inspiration aus den Werken ihrer französischen Kollegen. Auf Reisen nach Paris setzten sie sich intensiv mit der französischen Moderne auseinander. Motivisch eröffnete sich dabei ein breites Spektrum – von sonnendurchfluteten Landschaftsdarstellungen und stimmungsvollen Figurenbildern bis hin zu sorgfältig arrangierten Stillleben.

Die erste Präsentation französischer Impressionisten in Deutschland fand 1883 in Berlin statt: In der Galerie Fritz Gurlitt wurden 16 Gemälde von Édouard Manet, Claude Monet, Camille Pissarro und Alfred Sisley gezeigt, darunter zehn Werke aus dem Besitz des Sammlerpaars Carl und Felicie Bernstein. In den 1890er Jahren folgten Ausstellungen in München und Weimar. Um die Jahrhundertwende präsentierten die Berliner Secession und die Galerie Paul Cassirer regelmäßig Werke wie Monets Impression. Sonnenaufgang oder Manets Frühstück im Grünen – Bilder, die in Frankreich selbst noch als skandalös galten. In Deutschland wurde der Impressionismus schnell als Avantgarde-Strömung anerkannt und galt als Widerstand gegen die national geprägte Kunstpolitik des Kaisers.

Zwischen Rezeption und Eigenständigkeit

Die von Frankreich ausgehenden Impulse griffen deutsche Künstlerinnen und Künstler nach 1900 auf und entwickelten dabei eine eigenständige Bildsprache. Ihr Augenmerk richtete sich zunehmend auf die soziale Dimension der Kunst. Sie malten fortschrittliche Sozialeinrichtungen wie holländische Waisenhäuser und nahmen die neuesten Strömungen der Reformpädagogik in ihre Werke auf. Zugleich legten sie Wert auf das Narrativ und bewahrten eine erzählerische Form der Darstellung.

Neben lichtdurchfluteten Landschaften widmeten sich die Impressionisten in Deutschland nächtlichen Stadtansichten, erhellt durch moderne elektrische Beleuchtung. Sie thematisierten gesellschaftliche Spannungen sowie die Anonymität des Großstadtlebens. Dabei offenbarte sich eine ambivalente Sicht auf die Metropole zwischen dynamischem Kulturraum und Ort emotionaler Belastung. Fortschrittsbegeisterung traf auf düstere Visionen der Urbanisierung. So zeigen sich in der impressionistischen Malerei Deutschlands bereits Züge des späteren Expressionismus.

Die prägende Bedeutung des Theaters um 1900 als Erlebnisraum von Emotionen spiegelte sich auch in der deutschen Avantgarde-Malerei. Die Künstler setzten sich mit dem Bildtypus des Rollenportraits auseinander und verliehen ihren Bildern mit impressionistischem Pinselduktus eine vibrierende Dramatik. Diese Kompositionen waren auch ein Resonanzraum der zeitgleichen Neuerungen im dramatischen Werk und im modernen Tanz. Daneben inszenierten die Maler biblische Geschichten wie Simson und Delila als Ausdruck des Geschlechterkampfs, der im Zug der Emanzipationsbewegung an Brisanz gewann.

Ein neuer Blick auf den Impressionismus in Deutschland

Mit über 110 Werken aus mehr als 60 internationalen Sammlungen widmet das Museum Barberini dem Impressionismus in Deutschland eine der bislang umfangreichsten Ausstellungen.

Neben kanonischen Positionen wie Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt und Fritz von Uhde präsentiert die Schau auch Arbeiten weniger bekannter Künstler, darunter Philipp Franck, Friedrich Kallmorgen, Gotthardt Kuehl, Christian Landenberger, Heinrich Eduard Linde-Walther, Franz Skarbina, Lesser Ury und Max Uth.

Ein besonderer Fokus liegt auf dem lange vernachlässigten Beitrag von Künstlerinnen zur Entwicklung des deutschen Impressionismus. Gezeigt werden Werke von Charlotte Berend-Corinth, Emilie von Hallavanya, Dora Hitz, Sabine Lepsius und Maria Slavona.

Sie behaupteten sich bereits im konservativen Kaiserreich künstlerisch und ermöglichen heute ein erweitertes Verständnis der Bewegung. Ein weiterer neuer Aspekt ist der Blick auf die Anregungen, die deutsche Künstlerinnen und Künstler in Frankreich erhalten haben und wie sie diese Impulse in ihre Malerei umsetzen.

Liebermanns Vermächtnis

Die Ausstellung würdigt Max Liebermann (*20.07.1847, †08.02.1935) nicht nur als zentralen Künstler, sondern auch als Sammler, Ausstellungsmacher und Mentor. Als Präsident der Berliner Secession war er im erzkonservativen Kaiserreich eine mutige Stimme für Internationalität und künstlerische Erneuerung. Für sein Wirken wurde er 1889 auf der Pariser Weltausstellung mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet und in die Société des Beaux-Arts aufgenommen; 1896 folgte die Aufnahme in die französische Ehrenlegion.

Liebermann starb zwei Jahre nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, die der modernen Malerei in Deutschland ein abruptes Ende setzten. Seine Witwe Martha Liebermann beging 1943 wenige Tage vor der geplanten Deportation nach Theresienstadt Suizid; Tochter Käthe und Enkelin Maria waren bereits 1938 in die USA geflohen. Liebermanns Sammlung französischer Impressionisten ist heute international verstreut, während seine Villa am Wannsee als bedeutendes kulturelles Vermächtnis und politisches Mahnmal erhalten bleibt.

Ausstellung bis 07.07.2026, Museum Barberini, Potsdam,
http://www.museum-barberini.de

Bilder:
Oben: Max Liebermann Selbstbildnis, 1934, Tate, Schenkung Lord Marks 1935 (Foto: Tate)
Mitte re: Max Liebermann Mein Haus in Wannsee mit Garten, um 1926, Privatsammlung,
Mitte li: Philipp Franck, Wannsee, 1915, Privatsammlung (Foto: Kunsthaus Lempertz, Saša Fuis)
Unten li: Max Slevogt, Das Champagnerlied, 1902, Staatsgalerie Stuttgart, erworben 1904 vom Künstler

(bpk / Staatsgalerie Stuttgart)
Unten re: Max Liebermann, Papageienmann, 1901, Privatsammlung