TICHA. Retrospektive

Anlässlich des 85. Geburtstags im vergangenen Jahr wird Hans Tichas malerisches Werk in deutsch-deutscher Perspektive im Neuen Museum Nürnberg vorgestellt. Die Ausstellung präsentiert seine künstlerische Vielschichtigkeit: von seinen einflussreichen Kinderbuchillustrationen, die Teil des kulturellen Gedächtnisses der ehemaligen DDR sind, bis zu seinen politisch scharfsinnigen Gemälden, die ein bewegtes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte reflektieren.

Ticha ist besonders in Ostdeutschland als Buchillustrator bekannt, seine Illustrationen prägten eine ganze Generation junger Leserinnen und Leser in der ehemaligen DDR. Abseits der Öffentlichkeit schuf er zeitgleich ein malerisches Œuvre, das die hohlen Gesten und Rituale des Arbeiter- und Bauernstaates mit feiner Ironie und kritischer Schärfe entlarvte.

Seine Malerei, beeinflusst von klassischer Moderne und Pop-Art, konfrontiert symbolische Figuren wie Fahnenschwenker, Parteikader, FDJ-Jugend oder Sportler in Szenen, die politische Propaganda und soziale Rituale demaskierten.

Viele der politisch aufgeladenen Bilder entstanden im Verborgenen; sie wären in der DDR kaum öffentlich ausstellbar gewesen. Ticha sorgte in seinem Atelier im Prenzlauer Berg für Vorsicht – die Gemälde standen mit dem Gesicht zur Wand. Dazwischen waren kleine Papierstreifen geklemmt. So konnte der Künstler überwachen, ob jemand ohne sein Wissen Zugang zu den Bildern hatte. Heute sind es vor allem diese Werke, die im Zentrum des Interesses an seinem Schaffen stehen.

Thematisch umfasst die Retrospektive sechs Kapitel, die Tichas Entwicklung von frühen Stadtbildern über Freizeit- und Sportdarstellungen bis hin zur Auseinandersetzung mit dem wiedervereinigten Deutschland nach 1990 nachzeichnen. Frühwerke zeigen eine malerische Formensprache, die kubistische Einflüsse und ein Interesse an alltäglichen Motiven wie Fischläden, Schiffen oder Frisiersalons verbindet.

Ein eigener Abschnitt widmet sich Tichas Darstellungen von Strandleben und weiblichen Akten, in denen Anleihen an Picasso und Fernand Léger deutlich werden; sie spiegeln zugleich Alltagskultur und sozialistische Ferienwelt der DDR wider. Ein Schlüsselmotiv für ihn wird der Sport. Die DDR instrumentalisierte ihn, um in ständiger Konkurrenz mit der Bundesrepublik die Überlegenheit des sozialistischen Systems zu beweisen. Die Dopingopfer bezahlten dafür einen hohen Preis. Tichas Bilder zeigen die Sportlerinnen und Sportler als gesichtslose, austauschbare Marionetten.

Zwei Arbeiten in der Ausstellung thematisieren die Berliner Mauer, ein in der DDR tabuisiertes Sujet; daneben hängt eine Darstellung des Bruderkusses zwischen Erich Honecker und Michail Gorbatschow von Oktober 1989 – ein ikonisches Bild kurz vor dem Mauerfall, der den Anfang vom Ende des Sozialismus markierte.

Mit dem Ende der DDR erlebte Ticha einen tiefgreifenden Wandel. 1990 zog er nach Westdeutschland, zunächst nach Mainz, später nach Maintal bei Hanau, wo er bis heute lebt und arbeitet. Sein kritischer Blick blieb bestehen und richtete sich fortan auf die Konsumgesellschaft und den triumphierenden Kapitalismus, deren Phänomene er seziert, von der Pauschalreise bis zum Traum vom Eigenheim. Auch seine Karikaturen, etwa die von Helmut Kohl als Birne mit Karnevalskappe, spiegeln Konstellationen der Nachwendezeit.

Ausstellung bis 14.06.2026, Neues Museum Nürnberg,
http://www.nmn.de

Bilder:
Oben: Hans Ticha in seinem Atelier, 2020, Foto Andreas Labe, VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Mitte: Der Hochspringer, 1987 / Republikgeburtstag, 1982, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik,
Hans Ticha, VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Unten: Es wächst zusammen, 1991, Museum Utopie und Alltag (Bestand Beeskow)Hans Ticha,
VG Bild-Kunst, Bonn 2025