To Shoe or not to Shoe. Warhol and others

Alltagsgegenstand und Modeobjekt, Statussymbol und Fetisch: Schuhe erzählen von gesellschaftlichen Konventionen, persönlichen Sehnsüchten und kultureller Zugehörigkeit. Mit dieser Kabinettausstellung erweitert die Heidi Horten Collection Wien die Sammlungspräsentation des Museums um einen thematischen Schwerpunkt. Zirka 20 Werke aus der Sammlung ergänzt um ausgewählte Leihgaben zeigen, wie vielfältig Künstler/innen den Schuh als Motiv, Bedeutungsträger und Projektionsfläche aufgreifen.

Den Ausgangspunkt der Schau bildet Andy Warhols Mitte der 1950er-Jahre entstandene Serie À La Recherche du Shoe Perdu. Bereits ihr Titel spielt auf Marcel Prousts Romanwerk À la recherche du temps perdu an. Die Titel der einzelnen Blätter variieren Redewendungen, Popsongs und literarische Zitate – aus Hamlets existenzieller Frage „To be or not to be“ wird „To Shoe or not to Shoe“

Ein zentrales Thema der Ausstellung ist das Spannungsverhältnis zwischen Verführung, gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen und Selbstbestimmung. Mimmo Rotellas Collage La Scarpa zeigt knallrote Pumps, ein Verweis auf die erotische Aufladung des Damenschuhs. Zugleich können hohe Absätze als Ausdruck von Zwang und Einschränkung gelesen werden. Markus Schinwald zeigt, dass die Entfernung des Absatzes allein noch keine Befreiung bedeutet. Birgit Jürgenssen verbindet den Schuh mit weiblichen Biografien: In der Skulptur Aschenbrödel scheint ein seidener Schuh die Treppe hinabzufließen, während sich in der Zeichnung sich den weg pflügen ein Damenschuh in einen Pflug verwandelt. Märchenhafte Vorstellungen ruft auch Peter Weibels Gummistiefel mit Bienenwachs hervor, der an einen ‚Siebenmeilenstiefel‘ denken lässt.

Andere Arbeiten kehren die Verbindung von Weiblichkeit und Verletzlichkeit um. Gudrun Kampls Vorwärtsschnitt vereint roten Samt mit Klingen an den Schuhspitzen. Bei Sue Williams wird der Stöckelschuh zur potenziellen Waffe. Jakob Lena Knebl wiederum verschmilzt in Boot Stöckelschuh und Arbeiterstiefel und führt deren geschlechtliche und soziale Zuschreibungen zusammen.

Der Schuh tritt auch als Träger von Gebrauchsspuren und als Bestandteil performativer Handlungen in Erscheinung. Für die Arbeit Repair fegte Allan Kaprow 1985 gebrauchte Schuhe durch die Straßen von Bonn und versorgte die dabei entstandenen „Wunden“ mit Mull und Heftpflaster. Im selben Jahr ging Mona Hatoum barfuß durch den Londoner Stadtteil Brixton und zog Doc-Martens-Stiefel hinter sich her, deren Schnürsenkel sie um ihre Knöchel gebunden hatte. Die Schuhe verweisen dabei auf unterschiedliche soziale und subkulturelle Zugehörigkeiten.

Sylvie Fleury untersucht hingegen die Faszination des Luxusobjekts. Für Alaïa Shoes ließ sie ein Paar Stiefeletten der französischen Luxusmarke detailgetreu in Bronze gießen: Markenfetischismus wird zum Materialfetischismus. Während Curt Stenverts farbenfrohe Damenschuhe einander wie auf einem Spaziergang begegnen, erscheinen Schuhe und Beine in Erwin Wurms Skulptur ‚Schlechter Gedanke‘ als unversehrte Gegenstücke zu einem, von psychischem Ballast oder gesellschaftlichen Zwängen deformierten Körper.

Die Ausstellung eröffnet unterschiedliche Perspektiven auf einen vertrauten Begleiter. Sie macht sichtbar, wie Schuhe Status und Zugehörigkeit vermitteln, Rollenbilder prägen und zum Ausdruck von Begehren, Widerstand oder Verletzlichkeit werden

Künstler/innen der Ausstellung: Sylvie Fleury, Flora N. Galowitz (Flora Neuwirth), Mona Hatoum, Birgit Jürgenssen, Gudrun Kampl, Allan Kaprow, Jakob Lena Knebl, Mimmo Rotella, Markus Schinwald, Curt Stenvert, Andy Warhol, Peter Weibel, Sue Williams, Erwin Wurm.

Ausstellung bis 18.04.2027, Heidi Horten Collection, Wien,
http://www.hortencollection.com

Bilder:
Oben: Gudrun Kampl, Vorwärtsschnitt, 2021 (Courtesy Heidi Horten Collection)
Mitte: Birgit Jürgenssen, ‚Aschenbrödel, 1976, Heidi Horten Collection (Estate of Birgit Jürgenssen/Bildrecht, Wien, 2026)
Unten: Andy Warhol, A La Recherche du Shoe Persu by Andy Warhol, Shoe Poems by Rolph Pomeray (Umschlagblatt)
ca. 1955 (Heidi Horten Collection, The Andy Warhol Foundation for Visual Arts/Bildrecht, Wien, 2026)