Daniel Knorr – WE MAKE IT HAPPEN

„Mich interessiert, unsere Zeit darzustellen, und dabei sowohl die Vergangenheit als auch den Ort, an dem wir uns befinden, zu berücksichtigen“.

Daniel Knorr (1968, Bukarest) zählt zu den innovativsten Konzeptkünstlern seiner Generation. Seine ortsspezifischen Installationen sorgten in der Vergangenheit für viel Aufsehen: So ließ er anlässlich der documenta 14 weißen Rauch aus dem Zwehrenturm über Kassel aufsteigen und löste 2005 mit einem leeren Pavillon (European Influenza), mit dem er sein Heimatland Rumänien bei der 51. Biennale in Venedig vertrat, eine politische Debatte aus. Aus heutiger Sicht erscheint der „politisch infektiöse“ Biennale Pavillon-Beitrag von damals wie eine subtile Vorahnung der heutigen Corona-Pandemie. Über diese spannenden Projekte im öffentlichen Raum hinaus hat der heute in Berlin und Hongkong lebende Künstler seit den 1990er Jahren ein vielseitiges Œuvre geschaffen, das neben Fotografie und installativ-skulpturalen Arbeiten auch Performances und partizipatorische Aktionskunst umfasst.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen ist die erste institutionelle Schau des Künstlers in Deutschland. Sowohl retrospektiv als auch thematisch angelegt, zeigt die Ausstellung anhand von Themenfeldern wie Alltag / Spuren und Symbole wie Daniel Knorr gesellschaftliche und soziale Belange sowie das Kunstsystem selbst in seinen Arbeiten befragt. Knorr, der bei Olaf Metzel an der Akademie der Bildenden Künste in München studierte, entwickelte seinen künstlerischen Ansatz vor dem Hintergrund der interventionistischen Kontextkunst der 1990er Jahre. Formal und konzeptuell orientieren sich seine „Materialisationen“ (Daniel Knorr) an der Minimal-Art bzw. Konzeptkunst, die er um sensuell-körperliche Aspekte und um eine politische Bedeutungsebene erweitert: Er führte etwa bei seiner Aktion Instant Community (2013) die reduzierte Linienkunst von Minimalisten wie Piero Manzoni zeitgemäß ins Aktionistische weiter, indem er das Publikum einlud, den auf einer Spule bereitgestellten Draht gemeinschaftlich im Galerieraum zu verspannen. Mit Depression Elevations (seit 2013), einer Serie von Wandreliefs, die auf Abgüssen von Schlaglöchern basieren, erdet er die Tradition des minimalistischen Wandreliefs im wahrsten Sinne des Wortes im Alltag und erweitert diese um eine geopolitische Komponente.

Mit großer Sensibilität für die emotionale Ladung von gemeinschaftlichen Symbolen und Ritualen nimmt Daniel Knorr in seiner Kunst auch auf Überlieferungen des kollektiven Gedächtnisses Bezug. So sichert der Künstler als Archäologe des Alltags die Spuren unserer Zivilisation: In seinem Künstlerbuch Projekt Carte de Artiste (seit 2007) etwa presste Knorr den Alltagsmüll aus verschiedenen Städten in leere Bücher. Er transformiert mit seinen Werken die in Sprache, Gegenständen und Ritualen verfestigten gesellschaftlichen Erfahrungen, um deren symbolischen Gehalt und die ihnen innewohnenden Handlungsanweisungen vor Augen zu führen. Er musealisierte zum Beispiel die sanktionierte Praxis des Rauchens dadurch, dass er inmitten der alten Meister in der Kunsthalle Bremen eine handelsübliche Raucherkabine installierte. Indem der Künstler Schneemänner aus Edelsteinen baut und Symbolfiguren aus der Hochkultur wie Marie Antoinette als Vogelscheuchen darstellt, werden überlieferte Ordnungen nicht zuletzt mit spielerischer Anarchie unterlaufen und das High and Low unserer Kultur ad absurdum geführt.

Ausstellung bis 20.09.2020, Kunsthalle Tübingen, kunsthalle-tuebingen.de