2 x KIPPENBERGER

The Happy End of Franz Kafka’s ‘Amerika’
(im Museum Folkwang)
Vergessene Einrichtungsprobleme
(in der Villa Hügel)

Das Museum Folkwang präsentiert Kippenbergers selten gezeigtes Hauptwerk The Happy End of Franz Kafka’s ‘Amerika’, dass in der großen Ausstellungshalle in den beeindruckenden Dimensionen seiner „Urfassung“ von 1994 zu sehen sein wird. Zeitgleich werden in den historischen Räumlichkeiten der Villa Hügel Künstlerbücher und -plakate Kippenbergers unter dem Titel Vergessene Einrichtungsprobleme in der Villa Hügel ausgestellt.

The Happy End of Franz Kafka’s ‘Amerika’ ist ein Schlüsselwerk Martin Kippenbergers. Der Künstler verbrachte drei Jahre mit den Vorbereitungen, Recherchen und Produktionsmaßnahmen und integrierte Arbeiten zahlreicher weiterer Künstler*innen und Autor*innen in sein Werk, wie u. a. von Cosima von Bonin, Ulrich Strothjohann, Tony Oursler, Jason Rhodes, Diedrich Diederichsen und Michel Würthle. Die Großinstallation mit den Ausmaßen eines Sportplatzes nimmt Bezug auf das Schlusskapitel des Romanfragments Der Verschollene / Amerika von Franz Kafka. Thematisiert wird die Erfahrung des Einzelnen, einer fremden und befremdenden Gesellschaft gegenüberzustehen und sich behaupten zu müssen. Kafkas Figur, der junge Karl Roßmann, wird von seinen Eltern nach Amerika geschickt und ist auf sich allein gestellt, bis er eines Tages auf das große „Naturtheater von Oklahoma“ trifft. Ob dort seine Hoffnung auf ein besseres Leben erfüllt wird, bleibt in Kafkas unvollendetem Werk und letztlich auch bei Kippenberger – trotz des „Happy-Ends“ im Titel – unbeantwortet.

Kafkas literarische Vision übersetzte Kippenberger in ein dreidimensionales Bild, das Arena und Ausstellung zugleich ist. 50 Tisch-Stuhl-Ensembles – teils Ikonen der Möbeldesigns, teils Fundstücke, teils eigene Kunstobjekte – imaginieren ein improvisiertes Großraumbüro unter freiem Himmel als Schauplatz von massenhaften, gleichzeitig stattfindenden Einstellungsgesprächen. Zwischen individueller Mythologie und scharfsinniger Gesellschaftsanalyse entfaltet das Werk wie kein anderes den einzigartigen künstlerischen Kosmos Kippenbergers und konfrontiert die Betrachter mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen nach den Mechanismen von Integration, Repression und Macht.

Vergessene Einrichtungsprobleme
in der Villa Hügel präsentiert rund 120 Bücher und 140 Plakate Martin Kippenbergers aus dem Zeitraum von 1979 bis 1997 in der Villa Hügel. Der Titel ist einer Ausstellung Kippenbergers entlehnt, die 1996 in der Villa Merkel in Esslingen zu sehen war. Kippenbergers Künstlerbücher sind in der historischen Bibliothek im Erdgeschoss der Villa Hügel zu Gast. Für die Dauer der Ausstellung stehen die experimentellen, höchst individuellen und mitunter provokativen Bücher Kippenbergers in wirkungsvollem Kontrast zu den klassischen Buchbeständen der repräsentativen Bibliothek der Familie Krupp.

Die Präsentation der Plakate in ehemaligen Wohnräumen im 1. Obergeschoss richtet den Blick vor allem auf die unterschiedlichen Formen der Selbstinszenierung des Künstlers, aber auch auf seine Stellung im Netzwerk mit befreundeten Künstler*innen. Die präsentierten Bücher und Plakate stammen aus der Sammlung des Museum Folkwang. Diese konnte in den vergangenen Jahren mit großzügiger Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung erheblich erweitert werden

Martin Kippenberger (1953–1997)
ist einer der wichtigsten Künstler des späten 20. Jahrhunderts. Die Vielfalt seiner künstlerischen Medien und Materialien – von Malerei und Skulptur über Zeichnung, Fotografie und Performance bis zu Plakat und Buch – ist ebenso beeindruckend wie seine oft beißende Ironie und analytische Schärfe, die ihn als genauen Beobachter gesellschaftlicher und politischer Phänomene ausweisen. Martin Kippenberger wuchs in Essen auf, wo sein Vater als Bergwerksdirektor, seine Mutter als Ärztin berufstätig waren. Die Familie unternahm regelmäßig gemeinsame Ausflüge in das Museum Folkwang und die Villa Hügel. Über das kunstinteressierte Elternhaus erhielt Kippenberger frühzeitig wichtige Anregungen für seine spätere künstlerische Arbeit. In seinem Werk lassen sich zahlreiche Anspielungen und versteckte Hinweise auf seine in Essen und im Ruhrgebiet verbrachte Kindheit und Jugend entdecken

07.02.-02.05.2021 Villa Hügel, Essen, museum-folkwang.essen.de

Bilder:
oben: Martin Kippenberger, 1994, (Maria Austria Institut) Foto: Wubbo de Jong / MAI
unten: Ausstellungsansicht Martin Kippenberger: The Problem Perspective, 21. September 2008 – 5. Januar 2009 im MOCA Grand Avenue Courtesy of The Museum of Contemporary Art, Los Angeles, Foto: Brian Forrest