Anne Truitt. Pionierin der Minimal Art

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen widmet der US-amerikanischen Künstlerin Anne Truitt (1921 – 2004) die erste umfassende Einzelausstellung in Europa. Mit rund 120 Werken aus mehr als vier Jahrzehnten würdigt die Ausstellung im K20 eine Künstlerin, die in den Vereinigten Staaten schon längst als Wegbereiterin der Minimal Art gilt und jetzt endlich in Europa mit einer großen Retrospektive gefeiert wird. Präsentiert werden Truitts bahnbrechende Skulpturen der frühen 1960er-Jahre, ihre farbig leuchtenden Arbeiten auf Papier, ihre Weiß-auf-Weiß Malerei und ihre tiefschwarzen Piths, eine ihrer letzten Bildserien.

Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung: „Mit dieser Ausstellung möchten wir nach unseren erfolgreichen Ausstellungen von Carmen Herrera im Jahr 2018, Charlotte Posenenske im Jahr 2020 und Lygia Pape im Jahr 2022 die Erzählung der Nachkriegskunst um eine der einflussreichsten Künstlerinnen aus den Vereinigten Staaten von Amerika erweitern.“

Chronologisch organisiert, stellt die Ausstellung Truitts fortlaufende Karriere von 1961 bis 2004 in sieben Kapiteln vor und zeigt ihre unterschiedlichen Zugänge zu den Medien Skulptur, Malerei und Zeichnung. Besondere Highlights sind ihre frühen und farbig leuchtenden Skulpturen – Hardcastle (1962), Remembered Sea (1971), Quipe (1984) – die großzügig in den weißen Galerien des K20 installiert werden. Zum ersten Mal überhaupt wird seit den 1960er-Jahren wieder Summer Run (1964), eine von Truitts in Japan produzierten Metallskulpturen, öffentlich präsentiert.

Darüber hinaus werden ihre großformatigen und langgestreckten Malereien, darunter Echo (1973) und Ojibwa (1993), zu sehen sein. In einem eigenen Kapitel werden Truitts Arundel Paintings gezeigt, die im Jahr 1975 bei ihrer ersten Präsentation im Baltimore Museum of Art für einen Aufschrei in der Presse sorgten, weil die Weiß-auf-Weiß-Malerei als zu reduziert empfunden wurde. Auch zu sehen sind ihre Piths, tiefschwarze Leinwände, in denen Truitt ihre Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 in New York verarbeitete. Ein Kurzfilm des Regisseurs Jem Cohen (*1962), der Truitt im Jahr 1999 bei der Arbeit im Atelier zeigt, stellt die Künstlerin persönlich vor.


Anne Truitts Durchbruch

Im Jahr 1961 besuchte Truitt gemeinsam mit der befreundeten Malerin Mary Pinchot Meyer (1920 – 1964) die wegweisende Ausstellung American Abstract Expressionists and Imagists im New Yorker Guggenheim Museum. Zum ersten Mal begegnete sie dort den monochromen Bildern von Barnett Newman (1905 – 1970) und Ad Reinhardt (1913 – 1967). Truitt war damals 40 Jahre alt und diese Ausstellung zur Farbfeldmalerei war das Erweckungserlebnis für die Künstlerin. Später erinnerte sie sich: „Niemals zuvor war ich so frei … Ich blieb fast die ganze Nacht wach.“ In Gedanken entstand ihr erstes Werk First (1961).

Am nächsten Morgen kaufte sie in einem Holzfachmarkt Latten, Klemmen und Leim und fertigte aus den Materialien eine Konstruktion, die an einen kleinen Lattenzaun erinnerte. Dieses – ihr erstes Werk – lackierte sie mit gewöhnlicher weißer Haushaltsfarbe. Dies war der Auftakt für eine ihrer produktivsten Schaffensphasen: Zwischen 1961 und 1963 produzierte sie 35 großformatige Holzskulpturen in hellweißen oder tiefdunklen Farbtönen. Truitt hatte ihr künstlerisches Ich gefunden und brach mit den modernen figürlichen Plastiken, die sie zwischen 1949 und 1960 geschaffen hatte. Als Referenz wird im K20 erstmals die frühe Plastik Untitled (1959) aus Privatbesitz zu sehen sein, die ihre künstlerische Transformation veranschaulicht. Viele andere frühe Arbeiten sind zerstört

Truitts Rezeption seit den 1960er-Jahren

Als die Minimal Art in New York entstand, schockierte sie mit ihren klaren Formen, seriellen Objekten und industriell produzierten Materialien. Bereits zu Beginn des Jahres 1963 – noch vor dem später weltweit berühmt gewordenen Künstler Donald Judd (1928 – 1994) – hatte Truitt ihre erste Einzelausstellung in der renommierten André Emmerich Gallery in New York. Diese Ausstellung begeisterte und polarisierte die Kunstwelt: Truitt war die erste Künstlerin, die das Wandbild als freistehende Skulptur im Raum platzierte. „Was ich eigentlich versuchte, war, Bilder von der Wand zu nehmen, Farbe um ihrer selbst willen in drei Dimensionen zu entgrenzen,“ sagte sie rückblickend im Jahr 1974. Besonders eindrücklich waren die tiefdunklen Farbnuancen, die ihren Werken aus Holz Sinnlichkeit und Bedeutung verliehen.

Truitt verzichtete auf die Kälte der industriellen Minimal Art und transformierte Farbe und Form zu Bedeutungsträgern für ihre Erfahrungen und Gefühle. Truitts reduzierte Skulpturen veranlassten den einflussreichen US-amerikanischen Kunstkritiker Clement Greenberg (1909 – 1994), sie bereits im Jahr 1967 als Pionierin der Minimal Art zu feiern. „Ich musste wieder und wieder hinsehen und zu ihnen zurückkommen, um zu entdecken, wie machtvoll diese »Boxen« mich berühren und bewegen konnten. Hier wurde das Extreme statuiert, nicht bloß angekündigt oder signalisiert,“ hat Greenberg in seinem legendären Essay „Neuerdings die Skulptur“ (1967) geschrieben. Doch Truitt wies die Zuordnung zur Minimal Art zurück: „Für mich ist meine Kunst maximal,“ sagte sie 1986 und ein Jahr später: „Meine Arbeit ist vollständig referenziell. Mein ganzes Leben lang habe ich dafür gekämpft, mit der einfachsten Form ein Maximum an Bedeutung zu erreichen.“

Farbe als Bedeutungsträger  

Charakteristisch für Truitts Werk, und ein bemerkenswerter Unterschied gegenüber der Minimal Art ihrer männlichen Kollegen, ist ihr sinnlicher Einsatz von Farbe. Truitt ließ ihre Skulpturen nach maßstabsgetreuen Konstruktionszeichnungen von einem Produzenten aus zwei Zentimeter feinen Mahagoni-Bootsbausperrholz fertigen und bearbeitete die Oberflächen der Werke in einem langwierigen, körperlich intensiven Produktionsprozess.

Zuerst trug sie mehrere Schichten weißer Grundierung und anschließend vierzig Schichten Acrylfarbe von Hand auf. Jede Schicht schliff sie mit Sandpapier ab, bis eine vollkommen glatte Oberfläche von außergewöhnlicher Tiefe und Leuchtkraft entstand. Farbe und Trägermaterial sollten eine Einheit ergeben, sollten sich „vermählen“, so Truitt. Außerdem ließ Truitt die Werke von kleinen Füßen anheben, so dass sie im Raum wie leuchtende Farbblöcke zu schweben scheinen. Ihr Material bearbeitete sie so lange, bis es von persönlichen Begegnungen, tiefgründigen Gedanken und Erinnerungen an Orte durchdrungen war. Mit ihren sprechenden Titeln spiegeln ihre Skulpturen persönliche Erfahrungen wider und ermöglichen empathische Zugänge zu politischen Ereignissen. Zugleich schreiben sie keine Deutung vor, sondern eröffnen Räume für unsere individuellen Assoziationen und verweisen auf universell menschliche Erfahrungen.

Neuverortung des Kanons

Die Ausstellung zeigt, wie Truitt innerhalb des männlich geprägten und patriarchalen Umfelds der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Skulptur in ihrer ganzen Komplexität und Tragweite neu gedacht hat und wie sie – obwohl sie zeitlebens kunstkritische und institutionelle Anerkennung erfuhr – heute weniger bekannt zu sein scheint als ihre männlichen Kollegen.

Mit dieser Retrospektive wird Truitt endlich als die Pionierin der Minimal Art anerkannt, die sie seit 1961 war und ein bislang unvollständig erzähltes Kapitel der Kunstgeschichte neu geschrieben. Die Ausstellung zeigt, dass die Kunstströmung der Minimal Art größer, vielfältiger und breiter war, als bisher angenommen und erlaubt eine überraschende Neubewertung aus der Perspektive von Anne Truitt. Gerade heute, in Zeiten digitaler Bilderflut und beschleunigter Wahrnehmungsökonomien, gewinnt Truitts sensibles Werk an neuer Relevanz. Truitt lädt ein, genauer hinzusehen, ihre Werke zu umkreisen und unsere komplexe Welt buchstäblich aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Es ist eine Anregung zum stillen Reflektieren und eine Übung in Empathie.

Kurzbiografie

Anne Truitt, geboren 1921 als Anne Dean in Baltimore, Maryland, wuchs in Easton, Maryland an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika auf. Sie studierte Psychologie am Bryn Mawr College und schloss ihr Studium im Jahr 1943 ab. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie als Krankenschwester für das Rote Kreuz am Massachusetts General Hospital und zugleich als wissenschaftliche Assistentin in der dortigen psychiatrischen Forschungsabteilung.

Nach ihrer Heirat mit James McConnell Truitt 1947 lebte sie zunächst in Washington, D.C. Weil James als Journalist arbeitete, zog die Familie häufig um und lebte in San Francisco, Dallas, New York sowie von 1964 bis 1967 in Tokio, Japan. Truitt studierte ab 1944 Bildhauerei bei Franz Denghausen (1911–1987) in Cambridge, 1949 bei Alexander Giampietro (1912–2010) in Washington D.C., 1950 bei Octavio Medellín (1907–1999) in Dallas, sowie 1951 bei Peter Lipman-Wulf (1905–1993) in New York, wo sie Aktzeichnen und Holzbildhauerei erlernte.

Ihre erste Einzelausstellung hatte Truitt 1963 in der André Emmerich Gallery in New York. Ihre Skulpturen wurden in den zentralen Ausstellungen gezeigt, die den Begriff der Minimal Art formten, darunter Black, White and Gray im Wadsworth Atheneum in Hartford (1964), 7 Sculptors im Institute of Contemporary Art in Philadelphia (1965/66), Primary Structures: Younger American and British Sculptors im Jewish Museum in New York (1966) und American Sculpture of the Sixties im Los Angeles County Museum of Art und im Philadelphia Museum of Art (1967).

Später hatte sie umfangreiche Einzelausstellungen in US-amerikanischen Museen wie dem Whitney Museum of American Art in New York (1973), der Corcoran Gallery of Art in Washington D.C. (1974) und dem Baltimore Museum of Art (1975/1992). 2009 widmete ihr das Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington D.C. eine große posthume Retrospektive. Neben ihrer Kunst schrieb Truitt vier vielbeachtete Bücher – Daybook (1982), Turn (1986), Prospect (1996) und Yield (2022). Im Jahr 2023 erschien ein Band mit weiteren Schriften unter dem Titel Always Reaching.

Heute ist sie für ihre Bücher ebenso bekannt wie für ihre Kunst. Zeitlebens erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter ein Guggenheim Stipendium und mehrere Ehrendoktorwürden. Truitt starb im Dezember 2004 in Washington D.C.

Ausstellung bis 02.08.2026, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen,
http://www.kunstsammlung.de

Bilder:
Oben re: Installationsansicht K20 Sammlung, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Foto: Studio Kukulies)
Oben li: Hardcastle, 1962, Privatsammlung (annetruitt.org/Bridgeman Images)
Mitte re: Sculpture 1962–2004, 2010, Installationsansicht Matthew Marks Gallery, New York (annetruitt.org/Bridgeman Images/ Courtesy Matthew Marks Gallery)
Mitte li: Untitled, 1964 (annetruitt.org/Bridgeman Images/Courtesy Matthew Marks Gallery)
Unten re: Anne Truitt in ihrem Atelier, 1978, Washington, D.C. (annetruitt.org/Bridgeman Images/Courtesy Matthew Marks Gallery)
Unten li: Ausstellungsansicht Truitt, 12. Februar – 2. März 1963, André Emmerich Gallery (17 East 64th Street), New York (annetruitt.org/Bridgeman Images)