
Der Pavillon Le Corbusier in Zürich eröffnet die neue Saison mit der Ausstellung Bauen für die Macht und zeigt die engen Beziehungen zwischen Architektur und Autorität; macht sichtbar, wie vielschichtig und zugleich ambivalent dieses Verhältnis ist.
Seit jeher dient Bauen nicht nur dem Schutz und der Organisation des Lebens, sondern auch der Manifestation von Herrschaft. Von den Pyramiden der Antike über Triumphbögen und Parlamentsbauten bis zu den ikonischen Hauptsitzen globaler Konzerne zieht sich eine jahrtausendealte Tradition: Monumentalität, Dauerhaftigkeit und Maßstab werden zu Werkzeugen politischer, religiöser oder ökonomischer Macht – und prägen bis heute unsere gebaute Umwelt.
Umgekehrt winken Architekt/innen Aufträge, Sichtbarkeit und Einfluss. Diese wechselseitige Beziehung hat in der Geschichte immer wieder zu beeindruckenden, bisweilen aber auch wahnwitzigen Projekten geführt,
Auf der Suche nach bedeutenden Aufträgen sucht auch Le Corbusier die Nähe politischer Macht – weitgehend unabhängig von deren ideologischer Ausrichtung. Er baut für die Sowjetunion, wirbt um Mussolini und Maréchal Pétain und zeigt dabei wiederholt eine fehlende kritische Distanz zu autoritären Systemen. Gleichzeitig bestehen keine Berührungspunkte zu den Nationalsozialisten in Deutschland. Die Ausstellung macht diese Ambivalenzen sichtbar und ordnet sie historisch ein, ohne sie zu vereinfachen oder zu entschärfen.
„Bauen für die Macht versteht Le Corbusiers Werk nicht isoliert, sondern eingebettet in einen breiteren historischen und theoretischen Kontext. Le Corbusier agiert in diesen Jahren zugleich als kritischer Beobachter und aktiver Mitgestalter seiner Epoche“, so Christian Brändle, Direktor Museum für Gestaltung Zürich.


Im Zentrum stehen Le Corbusiers städtebauliche Visionen. Seine Projekte der Zwischenkriegszeit sind ebenso visionär wie verstörend. In idealtypischen Stadtentwürfen wie der Ville contemporaine entwirft Le Corbusier eine vertikal verdichtete Stadtstruktur mit gläsernen Hochhaustürmen für drei Millionen Einwohner. Noch radikaler präsentiert sich der Plan Voisin für Paris. Das Projekt plädiert für den großflächigen Abriss ganzer Quartiere zugunsten einer streng geordneten, funktional optimierten Stadtlandschaft, in der Ordnung, Effizienz und Kontrolle Leitmotive bilden. Architektur wird dabei zum Instrument einer autoritär gedachten sozialen Neuordnung des urbanen Lebens.
Im Erdgeschoss treffen zwei Schlüsselwerke aufeinander: Der Pavillon des Temps Nouveaux (1937) präsentiert Le Corbusiers Stadtideen als visuelles Manifest. Mit Chandigarh (ab 1951) wird diese Vision erstmals umgesetzt – als moderne Hauptstadt, in der Ordnung, Demokratie und Gewaltenteilung architektonisch verhandelt werden.


Das Obergeschoss richtet den Blick auf fiktionale Bauten für die Macht, die Le Corbusier geprägt und inspiriert haben. Dazu zählt Antonio Sant’Elia, der mit seiner Città Nuova um 1914 ein von technischer Dynamik und Geschwindigkeit bestimmtes Stadtbild entwirft. Ebenso vertreten ist Étienne-Louis Boullée, der um 1785 die französische Revolutionsarchitektur mitprägt und damit der Aufklärung einen architektonischen Ausdruck formuliert. Hugh Ferriss schließlich imaginiert in seiner ‚Stadt von morgen‘ dramatisch beleuchtete, stufenförmig aufragende Türme.

Pavillon Le Corbusier
Der von der Zürcher Galeristin Heidi Weber initiierte Pavillon Le Corbusier ist selbst ein zentrales Exponat. Als letztes Bauwerk Le Corbusiers und als architektonisches Manifest der Nachkriegsmoderne bietet er den idealen Rahmen, um Architektur nicht nur zu zeigen, sondern räumlich zu erfahren. „Dieses Haus ist das kühnste, das ich je in meinem Leben gebaut habe“, schrieb Le Corbusier 1961 dem damaligen Direktor des Guggenheim Museums, James Johnston.
Der Pavillon Le Corbusier wird seit seiner Eröffnung 1967 als Ausstellungsort betrieben, um das Werk und die Ideen Le Corbusiers einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Auf rund 600 Quadratmetern und über vier Geschosse hinweg entfaltet sich die Ausstellung in engem Dialog mit dem Gebäude, das mit einer eigenen Sektion zu seiner Baugeschichte ebenfalls gewürdigt wird. Seit 2019 wird der Pavillon Le Corbusier durch das Museum für Gestaltung Zürich im Auftrag der Stadt Zürich als öffentliches Museum geführt.
Ausstellung bis 29.11.2026, Pavillon Le Corbusier,
Höschgasse 8, 8008 Zürich
http://www.pavillon-le-corbusier.ch
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