Die Ausstellung im Museum für Fotografie in Berlin zeigt circa 300 Fotografien aus dem Sammlungsbestand des Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung Berlin. Viele dieser Motive sind bekannt, ihre Urheberinnen jedoch nur wenigen. Mit der Ausstellung würdigt das Bauhaus-Archiv die Bedeutung dieser Künstlerinnen und ihr fotografisches Werk nun erstmals umfassend. Ergänzt werden die Fotografien der Bauhäuslerinnen mit Werken von Künstlerinnen des Institute of Design in Chicago (New Bauhaus), der Nachfolgeinstitution des Bauhauses in den USA.

Herausragende Fotografinnen gibt es seit der Erfindung der Fotografie im frühen 19. Jahrhundert. Viele von ihnen waren Pionierinnen auf diesem Gebiet. Sie experimentierten mit fotografischen und gestalterischen Techniken und loteten die Grenzen des neuen Mediums aus.
So auch die Fotografinnen des Bauhauses. Sie beobachteten ihre Umgebung durch die Kameralinse und hielten dabei zahlreiche Motive in zum Teil neuen und ungewohnten Perspektiven fest. Das Spektrum ihres künstlerischen Schaffens reicht dabei von der gegenständlichen Porträt- und Architekturfotografie bis hin zur abstrakten experimentellen Fotografie.
Auch im 21. Jahrhundert setzen sich Künstlerinnen auf vielfältige Weise mit der Fotografie auseinander. Wie die Bauhaus-Fotografinnen versuchen auch sie, ihre Gegenwart im fotografischen Bild festzuhalten und hinterfragen dabei die konventionellen Formen des Mediums.
Für die Ausstellung hat das Bauhaus-Archiv die drei zeitgenössischen Künstlerinnen Kalinka Gieseler, Caroline Kynast und Sinta Werner eingeladen, mit ihren Arbeiten in einen Dialog mit den historischen Positionen zu treten.

Die Künstlerinnen der Ausstellung:
Gertrud Arndt
Ellen Auerbach
Irene Bayer
Lotte Stam-Beese
Irena Blühová
Marianne Brandt
Lotte Collein
Barbara Crane (New Bauhaus)
Margarete Dambeck-Keller
Ise Gropius
Charlotte Grunert
Toni von Haken-Schrammen
Florence Henri
Catherine Hinkle (New Bauhaus)
Irene Hoffmann
Hilde Hubbuch
Grit Kallin-Fischer
Judit Kárász
Ivana Meller-Tomljenović
Etel Mittag-Fodor
Lucia Moholy
Lony Neumann
Ricarda Schwerin
Ré Soupault
Grete Stern
Elsa Thiemann
Else Tholstrup (New Bauhaus)
Mili Thompson (New Bauhaus)
Edith Tudor-Hart
Zeitgenössische Positionen:
Kalinka Gieseler
Caroline Kynast
Sinta Werner
Die Bauhaus Fotografinnen
Die Weimarer Republik (1919–1933) ist eine Zeit des gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchs. Eine junge Demokratie sieht sich mit den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs ebenso konfrontiert wie mit rasantem technischem Fort schritt, dem Aufkommen neuer Medien und einer Infragestellung traditioneller Werte. Auch die Rolle der Frau wandelt sich: Mit der Einführung des Frauenwahlrechts beginnt im November 1918 ein neues Kapitel politischer Teilhabe. Zugleich streben immer mehr Frauen nach ökonomischer Unabhängigkeit und beruflicher Selbstverwirklichung. Die Fotografie bietet dafür ideale Chancen: Sie verspricht künstlerische Freiheit und ein eigenes Einkommen. Die Kamera wird so zum Werkzeug weiblicher Selbstermächtigung.

Bereits im späten 19. Jahrhundert gewinnt das Berufsfeld der Fotografin an Bedeutung. Da die Fotografie als vergleichsweise junge Praxis zunächst eher als handwerkliche Tätigkeit gilt und noch nicht fest akademisch verankert ist, eröffnet sie Frauen frühzeitig berufliche Möglichkeiten. Bestimmte fotografische Tätigkeiten, wie die Porträtfotografie oder das Retuschieren der Bilder, gelten als mit vermeintlich weiblichen Fähigkeiten vereinbar. Immer mehr Frauen lassen sich auch deshalb in Fotoateliers ausbilden. Ab 1890 ermöglichen der Berliner Lette-Verein und ab 1905 auch die Lehr- und Versuchsanstalt für Fotografie in München eine institutionelle Ausbildung für Fotografinnen.
In der Weimarer Republik steigt die Zahl der Fotografinnen kontinuierlich. Immer mehr Hoch schulen bieten Fotografie-Unterricht an. Auch das Dessauer Bauhaus richtet 1929 eine Fotoklasse ein. Viele Studierende – fast die Hälfte der Studierenden waren weiblich – erhalten hier eine professionelle Ausbildung. Doch schon davor spielen Fotografinnen eine zentrale Rolle für das Bauhaus. Früh bewerben Aufnahmen professioneller Fotografinnen – darunter von Paula Stockmar, dem von Frauen geleiteten Atelier Hüttich und Oemler oder Lucia Moholy – die Produkte und Werke der einflussreichen Kunst-, Design- und Architekturschule. Mit der zunehmenden Verbreitung der Kleinbildkamera ab 1925 wächst auch unter den Studierenden das Interesse an dem Medium. Viele Studentinnen beobachten ihre Umgebung durch die Kameralinse und halten diese in neuen und ungewohnten Perspektiven fest. Während viele dieser Aufnahmen heute weltbekannt sind, bleiben ihre Autorinnen oft vergessen.
Die Themen
Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Porträtfotografie. Die Kapitel „Das Selbst im Blick“ und „Das Bild der Frau“ untersuchen, wie die Fotografinnen sich selbst und ihre Kommilitoninnen vor dem Hintergrund eines gewandelten Frauenbilds inszenieren. Oftmals greifen sie das in der Weimarer Republik allgegenwärtige Ideal der Neuen Frau auf und übersetzen es in die moderne Bildsprache des Neuen Sehens.

Ein weiteres Kapitel beleuchtet den Fotografieunterricht am Bauhaus unter der Leitung von Walter Peterhans. In Porträt-, Landschafts- und Naturstudien sowie Stillleben werden Texturen, Materialität, Lichtführung und Bildschärfe gezielt eingesetzt, um fotografische Gestaltungsmittel zu erproben. Im Kapitel „Kunst und Experiment“ steht die experimentelle Praxis im Vordergrund. Fotocollagen und Fotogramme eröffnen Ausdrucksformen jenseits der Kamera und verdeutlichen, wie nah die Fotografinnen der künstlerischen Avantgarde stehen.
Das Kapitel „Menschen und Länder“ widmet sich sozialdokumentarischen und fotojournalistischen Arbeiten. Die Aufnahmen spiegeln Alltagsthemen, soziale Ungleichheit und politische Umbrüche wider. Zu gleich zeigen sie, wie die oft ins Exil gezwungenen Fotografinnen ihre Arbeit unter wechseln den politischen Bedingungen sichern. Das Kapitel „Faszination Architektur“ widmet sich der modernen Architekturfotografie. Ungewöhnliche Perspektiven, starke Auf- und Untersichten sowie Detailaufnahmen lösen die Architekturfotografie aus ihrer ursprünglich dokumentarischen Funktion und verwandelt sie in künstlerische und zuweilen abstrakte Bildkompositionen.
Die Ausstellung zeigt, wie die Bauhäuslerinnen Fotografie als künstlerisches und gesellschaftliches Instrument einsetzen – für mehr Selbstbestimmung, künstlerische Forschung und die Dokumentation gesellschaftlicher und politischer Wirklichkeiten. Ihre Relevanz für die Gegenwart verdeutlicht der Einbezug zeitgenössischer Kunst: Die Berliner Künstlerinnen Kalinka Gieseler, Caroline Kynast und Sinta Werner treten als kontemporäre Stimmen in den Diskurs ein. Wie ihre historischen Vorbilder nutzen sie das fotografische Bild, um Raum und Gesellschaft zu analysieren und die Grenzen des Mediums auszuloten.
Zur Relevanz heute

Beschäftigt man sich mit Fotografinnen und ihren Lebenswegen aus gender-kritischer Perspektive, stellt sich zunächst die Frage, wen der Begriff der Frau bezeichnet. Gemeint ist keine eindeutig definierte oder homogene Gruppe, sondern eine historische Zuschreibung, die unter jeweils geltenden gesellschaftlichen Normen wirksam wird.
Die Biografien der Fotografinnen sind ebenso vielfältig wie ihre Überzeugungen, persönlichen Vorlieben und Beziehungen. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Erfahrung der Zuschreibung tradierter Geschlechterrollen, die ihre beruflichen Möglichkeiten begrenzen und sich insbesondere im Nationalsozialismus und in der westeuropäischen Nachkriegszeit sogar noch verschärfen. In der von Männern dominierten Kunstwelt werden ihre Arbeiten marginalisiert und aus dem kunsthistorischen Gedächtnis verdrängt – eine strukturelle erzeugte Unsichtbarkeit, die bis heute nachwirkt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich auch heute noch die Frage nach der Rolle von Ausstellungen, die sich gezielt Künstlerinnen widmen. Besteht dabei die Gefahr, bestehende Zuschreibungen fortzusetzen und weiblich gelesene Positionen erneut als Sonderfall zu markieren? Die Antwort ist komplex. Die Kunsthistorikerin Emmy Voigtländer schreibt bereits 1914 über die Leipziger Ausstellung „Haus der Frau“: „Vielleicht wird das für die Zukunft ertrag reichste Ergebnis dieser Sonderausstellungen der Beweis ihrer Überflüssigkeit in dem Sinne sein, dass allmählich die Leistungen von Frauen als selbstverständlich in die allgemeine Kulturarbeit aufgenommen werden, wo man die Güte der Arbeit sieht und dann ihren Verfertiger […].“
Aktuelle Zahlen zeigen jedoch, dass dieses Ziel noch nicht erreicht ist. Erhebungen, etwa der Berliner Initiative „fair share“, machen deutlich, dass Werke von weiblich gelesenen Personen und vornehmlich von Müttern weiterhin seltener ausgestellt und gesammelt werden und geringere Marktpreise und Förderungen erzielen. Solange Gleichberechtigung im Kunstbetrieb nicht selbstverständlich ist, bleibt Sichtbarkeit in Form von solchen Ausstellungen notwendig – nicht als Abgrenzung, sondern als Mittel gegen strukturelles Vergessen.
Ausstellung bis 04.10.2026, Museum für Fotografie,
Jebensstraße 2, 10623 Berlin
http://www.smb.museum/museen-einrichtungen/museum-fuer-fotografie
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