
Der Kunstpalast widmet Jörg Immendorf (1945 – 2007) bis zum 10. Januar 2027 eine umfassende Retrospektive – in seiner Wahlheimat Düsseldorf, wo er studierte, lehrte und arbeitete. Rund 120 Werke aus fünf Jahrzehnten zeichnen seinen Weg von den Anfängen an der Düsseldorfer Kunstakademie bis hin zu den letzten Arbeiten aus seinem Düsseldorfer Atelier. Er wurde Ende des 20. Jahrhunderts weltweit als einer der bedeutendsten deutschen Künstler seiner Generation gefeiert. Als berüchtigter „Malerfürst“ pflegte er ein hartes Image und führte einen kontroversen Lebensstil.
Neben der Bandbreite seines kreativen Wirkens beleuchtet die Präsentation auch, wie weit Immendorf die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft hinterfragte. Dabei steht die Konfrontation mit politischen Kontexten ebenso im Fokus wie die Widersprüche seiner eigenen Person.

Felix Krämer, Direktor des Kunstpalastes: „Immendorf gehört zu den prägendsten Künstlerpersönlichkeiten der deutschen Nachkriegszeit. Umso erstaunlicher ist es, dass sein Werk erst nach seinem Tod nur vereinzelt museal gezeigt worden ist. Die Ausstellung „Immendorf“ eröffnet nun einen längst überfälligen Blick auf diesen Künstler in seiner ganzen Vielschichtigkeit als politischer Denker, Kulturvermittler und selbstbewusster Grenzgänger zwischen Hoch- und Populärkultur.
Wer die Ausstellung besuchen will, sollte sich Zeit nehmen. Vor allem die bunten, großformatigen Gemälde, regelrechte „Wimmelbilder“ saugen den Blick auf und veranlassen zum Verweilen und Nachdenken. Es gibt so viel zu entdecken! Hat sich Immendorf irgendwo selber dargestellt? Hat er da, auf seinen berühmten Café-Deutschland-Bildern, nicht eher eine Kneipe gemalt anstelle eines Cafés? Und warum ist plötzlich ein Schwein dabei? Und warum streckt der Mann dort uns durch eine Mauer seine Hand entgegen? Aber ja, eine Geste der Annäherung in einer Zeit, in der die Wiedervereinigung noch eine Utopie war und Immendorf Ende der 1970er-Jahre das geteilte Deutschland ins Zentrum seiner Arbeit rückte…

Vorher, in den 1960-er Jahren, hatte er vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges Babybilder gemalt – ironische Sinnbilder des Protests, der Liebe, für Frieden und Hoffnung. Und zur Zeit der Studentenrevolten hatte der Beuys-Schüler die nach Babysprache benannte Protest-Initiative LIDL gegründet, die sogar zu Unruhen an der Kunstakademie führten.
Von den wilden Siebzigern führt uns die Ausstellung in die 1980-er Jahre, als Immendorf mehr über seine eigene Rolle in der Kunstgeschichte reflektierte als über Politik. Parallel dazu übernahm er 1984 in Hamburg St. Pauli die Bar La Paloma. Ab 1985 findet sich ein neues Leitmotiv in seinen Werken: der Affe als sein Alter Ego und kritischer Begleiter. Später entwarf er Bühnenbilder, auch seine Bilder bekamen eine bühnenhafte Anmutung.

1996 wird er zum Professor an der Kunstakademie berufen und erhält wenig später eine schockierende Diagnose: die Nervenkrankheit ALS. Dies tat seinem künstlerischen Erfolg keinen Abbruch. Und als Vertrauter von Bundeskanzler Gerhard Schröder war er Kulturbotschafter, begleitete ihn zu offiziellen Auslandsreisen und malte dessen Porträt in der Kanzlergalerie.

Mit seiner Medienpräsenz nahm er Einfluss auf gesellschaftliche und politische Debatten weit über den Kunstbetrieb hinaus. So war es kein Wunder, dass auch sein Privatleben in den Blick der Öffentlichkeit geriet. Er wurde in einem Düsseldorfer Luxushotel mit Kokain in Gesellschaft mehrerer Prostituierten aufgegriffen, sodass es 2004 zu einem Gerichtsprozess wegen Drogenbesitz kam. Zu diesem Zeitpunkt konnte er wegen seiner gesundheitlichen Einschränkung Gemälde und Skulpturen nicht mehr eigenhändig ausführen und leitete Assistenten bei der Umsetzung seiner Werke an, die Vergänglichkeit und Transzendenz verhandeln. Immendorf arbeitete entschlossen weiter, bis er am 28. Mai 2007 an den Folgen seiner ALS-Erkrankung starb.
Packend und gleichzeitig berührend, wie die Ausstellung im Kunstpalast Immendorfs bewegtes Künstlerleben darstellt – mit großformatigen Gemäldeserien, Holz- und Bronzeskulpturen sowie noch nie gezeigte Zeichnungen und Archivmaterial. Dazu gibt es Informationstafeln, die eine gute Stütze beim Verständnis für Jörg Immendorf sind. Man kommt seiner Person näher und auch der Zeit, in der er lebte. Was „Immendorf“ im Düsseldorfer Kunstpalast nun aber besonders deutlich macht: die Kraft einer Haltung, die das eigene Denken und Handeln ebenso hinterfragt wie gesellschaftliche und politische Strukturen.
Angelika Campbell
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