
Anlässlich des 100. Geburtstags von Ruth Asawa (1926-2013) zeigt die Fondation Beyeler, Basel, eine Retrospektive von über sechs Jahrzehnte ihres künstlerischen Schaffens und vereint Arbeiten aus allen Werkphasen und Medien, darunter ihre ikonischen Drahtskulpturen, Bronzegüsse, Papierfaltungen sowie eine umfangreiche Auswahl an Arbeiten auf Papier. Die Ausstellung, die zuvor an internationalen Stationen präsentiert wurde, wird in Basel um rund 15 Werke ergänzt, die nur hier zu sehen sind und die enge Verbindung von Asawas Kunst zur Natur noch hervorheben.
Mit ihren filigranen Drahtskulpturen nimmt die US-amerikanische Künstlerin mit japanischen Wurzeln, eine eigenständige und einflussreiche Position in der Skulptur des 20. Jahrhunderts ein. Sie verwandelte einfachste Materialien in faszinierende Skulpturen und hob dabei die Grenzen zwischen Abstraktion und Figuration, Kunst und Kunsthandwerk, Aktion und Kontemplation auf.

Ruth Asawa wurde 1926 in Norwalk, Kalifornien, geboren und wuchs auf einer Farm auf. Im Jahr 1942, wenige Monate nach dem Angriff von Japan auf den US-amerikanischen Militärstützpunkt Pearl Harbor, wurden die damals 16-Jährige und ihre Familie wie über 100’000 andere Menschen japanischer Herkunft zu Unrecht in Internierungslagern inhaftiert.
Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs studierte Ruth Asawa von 1946 bis 1949 am innovativen Black Mountain College in North Carolina. Dort prägte das experimentelle Umfeld mit Lehrenden und Künstlerpersönlichkeiten wie Josef Albers, Richard Buckminster Fuller, Merce Cunningham und dem Mathematiker Max Dehn ihre künstlerische Entwicklung maßgeblich. 1947, während einer Reise nach Toluca, Mexiko, erlernte sie eine Technik der Korbflechterei, mit der sie Draht zu schwebenden, organisch anmutenden Skulpturen zu verarbeiten. Kunst, Alltag und gesellschaftliche Verantwortung verstand Asawa als untrennbar miteinander verbunden.

Zeichnen und Malen begleiten ihre skulpturale Arbeit während ihres gesamten Lebens. Aquarelle wie Untitled (PF.1016, Eucalyptus Grove) von 1961 oder Tuschezeichnungen der Platanen im Golden Gate Park untersuchen das Verhältnis von Positiv- und Negativform sowie die Bedeutung des Raums. Die Einflüsse der japanischen Kalligrafie verbinden sich hier mit den Erkenntnissen ihrer Ausbildung am Black Mountain College zu einer eigenständigen Bildsprache. Eine unermüdliche Experimentierfreude prägte das gesamte Schaffen von Asawa.
Asawa übertrug ihre künstlerische Haltung auf selbstverständliche Weise in den Alltag. Zugrunde lag die Überzeugung, dass Kreativität nicht der Kunst vorbehalten ist, sondern in allen Lebensbereichen grundsätzlich vorhanden ist und produktiv gefördert werden kann. Ein Zeichen dafür in der 2 Ausstellung ist Doors (S.528, Carved Redwood Doors for Ruth Asawa’s Home), die für ihr Wohnhaus geschnitzten Türflügel, von 1961. Eindrückliches Zeugnis ist das große Engagement, mit dem Asawa sich seit den 1970er-Jahren für die Integration von Kunst ins Bildungssystem von Grundschulen einsetzte.
Die Ausstellung zeichnet die Entwicklung von Ruth Asawas vielseitigem Schaffen über sechs Jahrzehnte nach und zeigt, wie konsequent sie grundlegende Fragen nach Form, Raum und Material verfolgte. Von frühen Zeichnungen, Papierarbeiten und Skulpturen bis zu ihren späten Naturstudien wird deutlich, wie eng die verschiedenen Werkgruppen miteinander verbunden sind. Darüber hinaus wird eine weitere Konstante in Asawas Schaffen deutlich: die fortwährende Auseinandersetzung mit der Natur, die sich in ihren Arbeiten mal unmittelbar, mal auf subtile Weise entfaltet.

Den Abschluss der Ausstellung bilden Arbeiten aus den 1970er- bis 1990er-Jahren, darunter Aquarelle und großformatige Tuschezeichnungen von Blumen und Früchten. In Werken wie Untitled (WC.003, Cherries in a Bowl), Mitte 1980er- bis Anfang 1990er-Jahre, und Untitled (PF.151, Ginkgo Leaves on Three Branches), ca. 1995, richtet Asawa ihren Blick auf alltägliche Motive und macht mit wenigen Linien und subtilen Leerstellen jene räumlichen Beziehungen sichtbar, die ihr gesamtes Werk prägen.
So wird deutlich, dass ihre Zeichnungen, Skulpturen und Druckgrafiken nicht als getrennte Werkgruppen zu verstehen sind, sondern als unterschiedliche Ausdrucksformen eines konsequenten künstlerischen Denkens.
Ausstellung bis 10.01.2027, Fondation Beyeler, Basel,
http://www.fondationbeyeler.ch
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