Macht! Licht!

Künstliche Lichtquellen sind eine Grundbedingung des modernen globalen Lebens. Mit ihrem permanenten und exzessiven Einsatz sind jedoch zahlreiche negative Auswirkungen verbunden. Künstliches Licht ermöglicht einerseits kulturelle Events, bietet sozialen Raum und Schutz, kann Menschen, Objekte oder Konsumartikel inszenieren und ihnen dadurch Bedeutung verleihen. Andererseits wird mit dem gezielten Einsatz von elektrischem Licht Macht ausgeübt: Mit ihm kann überwacht, manipuliert, ausgegrenzt oder sogar zerstört werden.

Die Ausstellung bietet mit rund 100 Lichtkunstwerken von 65 international bekannter Künstler*innen erstmals einen Einblick in das faszinierende Spektrum von im weiteren Sinne politischer Lichtkunst. Wenngleich mit dem permanenten und exzessiven Einsatz von künstlichem Licht zahlreiche negative Auswirkungen verbunden sind, wird der Mensch doch von Licht geradezu magisch angezogen, ist begeistert von dem Spektrum technischer Möglichkeiten.

Innerhalb der vergangenen 150 Jahre hat die Zivilisation unterschiedlichste Möglichkeiten geschaffen, das natürliche Licht zu ersetzen und damit die alleinige Herrschaft der Sonne zu brechen. Ohne künstliches Licht wäre die globale ökonomische und kulturelle Entwicklung mithin kaum denkbar gewesen.

Und nicht nur Menschen werden vom Licht angezogen: Aktuelle Fragestellungen rund um die Ökologie werden mit Lichtkunstwerken wie etwa der Lichtfalle Hamburg (2015/2018) von Nana Petzet thematisiert, die den massenhaften Rückgang von Insekten thematisiert.

In Daniel Canogars Troposphere (2017) werden Daten globaler Umweltphänomene und Naturkatastrophen mithilfe eines Algorithmus zu abstrakten Farbanimationen übersetzt.

Wie sehr wir alle durch die Werbung dressiert und manipuliert werden, verdeutlichen neben Monica Bonvicinis ästhetischer und zugleich abweisender Leuchtschrift NOT FOR YOU (2006) die Leuchtkästen von Daniel Pflumm, bei denen auch ohne Firmenschriftzug unverkennbar ist, welches Unternehmen hinter der farbig leuchtenden Botschaft steht.

Fragen nach Romantik, Glück und Utopien stellen sich bei Lori Hersbergers Sunset 164 (2006): Bunte Neonbögen täuschen einen ewig währenden Sonnenuntergang vor – ein Zustand, der weder Tag noch Nacht ist und schnell in der Schönheit des bloßen Scheins endet.

Und wissen Sie noch, wann Sie das letzte Mal in einen klaren Sternenhimmel gesehen haben? Siegrun Appelt macht mit ihrer eigens für das Kunstmuseum Wolfsburg eingerichteten Installation auf die weitverbreitete Lichtverschmutzung aufmerksam, indem sie Licht in äußerst konzentrierter Form physisch erfahrbar werden lässt.

Eine körperliche Erfahrung der besonderen Art ist die Dauerbeleuchtung in der High Security and Isolation Cell No. 2 (2005) von Gregor Schneider, mit der er Bezug nimmt auf das permanente Ausgesetztsein einer Lichtquelle als Methode der „weißen Folter“. Während hier ein Entkommen unmöglich scheint, ist die Flucht aus Mariana Vassilevas Break In / Out: Breathing Light (2013) bereits geglückt.

Ein Schlaglicht auf einen handfesten politischen Skandal wirft die spektakuläre Neon-Installation Pizzagate Neon (2016) von Warren Neidich, mit der ein politisch motivierter Fake-News-Skandal im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 rund um Hillary Clintons angeblicher Verwicklung in einen Kinderporno-Ring thematisiert wird.

Am Ende sehnen wir uns alle nur nach einem idealen Ort – Un endroit idéal (2000) – wie er uns von Anne Marie Jugnet & Alain Clairet in Aussicht gestellt wird, an dem Licht ist, aber auch notwendigerweise Dunkelheit. Um diesen Ort zu erreichen, ist auch der eigene Umgang mit künstlichem Licht kritisch zu hinterfragen

12.03.-10.07.2022, Kunstmuseum Wolfsburg, http://www.kunstmuseum.de

Bilder:
Oben: Lori Hersberger, Sunset 164, 2006, Neon-Systeme, Lori Hersberger Studio, Courtesy Lori Hersberger Studio, Zürich, Foto: Hans Georg Gaul, Berlin
Mitte:

li oben: Nana Petzet, Lichtfalle Hamburg, 2015/2018, Nana Petzet / VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Courtesy die Künstlerin und Helge Mundt, Foto: Helge Mund / re oben: Mariana Vassileva, Burned Hands, 2013, verkohltes Holz, Neon-System, Dauerleihgabe aus Privatsammlung, Foto: Mariana Vassileva, Kunstmuseum Wolfsburg / unten li: Warren Neidich, Pizzagate Neon, 2017, Privatsammlung, Warren Neidich, Courtesy Priska Pasquer, Köln, Foto: Karolina Sobel
unten re: Bernardí Roig, Der Italiener (The Cow), 2011, Bernardí Roig, Courtesy der Künstler und Kewenig, Palma/Berlin, Foto: Silvia León