
Das Sprengel Museum Hannover zeigt eine umfassend neu konzipierte Präsentation seiner Sammlung auf rund 3.000 Quadratmetern. In 20 neu gestalteten Räumen treten mehr als 170 künstlerische Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts in überraschende Dialoge und ungewohnte Konstellationen.
Die Neupräsentation orientiert sich in den Grundzügen an einer chronologischen Erzählung. Darin entfaltet sich über nicht chronologische Interventionen ein offenes Geflecht aus thematischen, historischen und ästhetischen Bezügen. Es eröffnet neue Perspektiven auf die Kunstgeschichte und stellt vertraute Werke in ungewohnte Zusammenhänge.
Was ist Kunst? – Der Auftakt
Die Ausstellung beginnt nicht mit einer Epoche, sondern mit einer Frage: Wie stehen Kunst und Alltag miteinander in Beziehung? Im ersten Raum des Rundgangs treffen unterschiedliche künstlerische Positionen aufeinander.

Sie loten die Grenzen, die zwischen Objekt und Idee, Produktion und Wahrnehmung verlaufen, aus. Werke von Kurt Schwitters, Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri und Timm Ulrichs markieren hier ein Feld, in dem Kunst als Handlung, Kommentar, Material oder Konzept erscheint– und immer wieder neu definiert wird.
Die Moderne als Aufbruch und Bruch
Weitere Räume widmen sich den Jahrzehnten des Aufbruchs in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Stile und „Ismen“– Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Konstruktivismus etc. – werden in ihrer Gleichzeitigkeit im historischen Kontext erfahrbar. Positionen der Brücke, des Blauen Reiter oder der Hannoverschen Abstrakten stehen für radikale Neuanfänge, die Kunst als Ausdruck innerer und gesellschaftlicher Umbrüche verstehen.

Gleichzeitig wird deutlich, wie eng diese Entwicklungen mit den politischen und sozialen Realitäten ihrer Zeit verbunden sind– von den Umbrüchen nach dem Ersten Weltkrieg bis zu den internationalen Avantgarden in Paris, Weimar, Amsterdam oder Moskau.
Paris, Abstraktion, Material
Paris erscheint als ein zentraler Knotenpunkt der Moderne. Hier suchen und treffen sich Künstler*innen wie Picasso, Marc Chagall, Max Ernst oder Max Beckmann. Parallel dazu werden in anderen Räumen die Entwicklungen der Abstraktion und der konstruktiven Kunst sichtbar– von frühen geometrischen Ordnungen bis hin zu den radikalen Material- und Raumkonzepten der Nachkriegszeit. Ein besonderer Fokus liegt auf der Frage nach Materialität und Geste: Informel, Abstrakter Expressionismus und Nouveau Réalisme zeigen Kunst als körperlichen, prozesshaften und oft auch alltäglichen Ausdruck.

Kunst, Alltag und Gesellschaft
Immer wieder öffnet sich die Sammlung zur Lebenswelt: Kunst und Alltag, Politik und Körper, Öffentlichkeit und Privatheit werden bewusst ineinander verschränkt. Arbeiten von Joseph Beuys, Dieter Roth oder Franz Erhard Walther stehen neben konzeptuellen Ansätzen, die die Rolle des Kunstwerks grundlegend hinterfragen.
Erinnerung, Geschichte, Verantwortung
Ein weiterer Schwerpunkt der Präsentation liegt auf dem Umgang mit Geschichte und Erinnerung. Werke von Thomas Schütte, Gerhard Richter oder Kader Attia reflektieren, wie Kunst auf historische Brüche reagieren kann– insbesondere im Kontext der deutschen Geschichte und der Nachwirkungen des Nationalsozialismus.

Der oft beschworene Begriff einer „Stunde Null“ wird hier kritisch befragt und als komplexe Kontinuität sichtbar gemacht.
Portrait, Körper, Wahrnehmung
Räume zu Porträt, Körper und Wahrnehmung zeigen, wie sich das Bild des Menschen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts verändert hat: vom klassischen Porträt über expressionistischen Ausdruck bis hin zu performativen und konzeptuellen Ansätzen, in denen der Körper selbst zum Medium wird.
Konstellationen der Gegenwart
Die Ausstellung endet in offenen Konstellationen. Seit den 1960er-Jahren entsteht eine Gleichzeitigkeit der Stile, Medien und Positionen, die bis heute fortwirkt. Kunst erscheint hier als ein dauerhaftes Netzwerk von Bezügen, Brüchen, Wiederaufnahmen und Fortschreibungen.
Sprengel Museum Hannover
http://www.sprengel-museum.de
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