
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen präsentiert die erste umfassende Ausstellung des Expressionisten und Mitbegründers des Blauen Reiter Franz Marc (1880–1916). Leuchtende Farben, berührende Themen und weltberühmte Tierbilder – was macht seine Kunst bis heute so faszinierend?
Die Ausstellung zeigt, wie eng der Künstler in die pulsierende Kunst- und Kulturszene vor dem Ersten Weltkrieg eingebunden war – und wie beeindruckend vielfältig sich sein Werk zwischen 1905 und 1914 entwickelte. Von den frühen Tierdarstellungen bis zu den kubistisch inspirierten Abstraktionen zeichnet die Ausstellung den Weg eines Suchenden nach – eines Künstlers, der sich in einer vom Fortschrittsglauben geprägten Zeit nach einem irdischen Paradies sehnte. Seine Bilder waren für Marc Enklaven der Harmonie, aber auch Entwürfe einer neuen, ideellen Welt, mit denen er gegen die Rationalisierung und Technisierung der Umwelt und die geistige Verflachung der Gesellschaft ankämpfte

Franz Marcs (geb. 08.02.1880 in München, gest. 04.03.1916 in Braquis bei Verdun, Frankreich) künstlerischer Weg begann an der Münchner Akademie, wo er sich zunächst mit dem Naturalismus und dem Jugendstil auseinandersetzte. Die Freundschaft mit dem Schweizer Tiermaler Jean-Bloé Niestlé (1884 – 1942) ab 1905 bekräftigte und fokussierte sein Interesse auf die Darstellung von Tiermotiven. Dabei ging es Marc weniger um die naturalistische Wiedergabe, sondern um das Begreifen des inneren Wesens der Tiere. Die Tiere zu malen, „wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen“ (Briefe, 8.4.1915), beschreibt Marc selbst als seinen primären Ansatz. Die Tierbilder gründen auf einem pantheistischen Weltbild, das die Tiere als Verkörperung einer für den Menschen verlorenen Göttlichkeit versteht.

1903 und 1907 reiste Marc nach Paris und studierte im Louvre alte und neue französische Kunst. Vor allem der Postimpressionismus, der Fauvismus und insbesondere Maler wie Vincent Van Gogh (1853–1890) und Paul Gauguin (1848–1903) zogen ihn in den Bann. Ab 1908 veränderte sich Marcs Verständnis von Komposition und Farbe grundlegend. Diese war für Marc nicht nur ein Mittel der Ausdruckssteigerung, sondern besaß eine tiefere symbolische Bedeutung. Auf der Basis von u.a. Wolfgang von Goethes Farbenlehre, entwickelte er eine eigene Theorie der Farben: Gelb verkörpert Weiblichkeit, Sanftmut und Sinnlichkeit, Rot das Brutale, Erdgebundene, Blau das Geistige, Intellektuelle und Männliche. Mit dieser kontrastreichen – expressionistischen – Leitidee der Farben strebte Marc danach, metaphysische Dimensionen in seinen Bildern sichtbar zu machen.
Eine gemeinsame Reise mit dem Freund und Mitstreiter August Macke (1887–1914) nach Paris 1912, bei der sie Robert Delaunay (1885–1941) und Sonia Delaunay (1885–1979) zweimal besuchten, bewirkte einen Quantensprung in der Malerei der beiden Künstler. Zwar kannte Franz Marc seit 1910 kubistische Werke von Georges Braque (1882–1963) und Pablo Picasso (1881–1973), doch es waren die lichtdurchfluteten, kristallinen Fensterbilder von Robert Delaunay, die ihn zu den eigenen prismatischen Bildkompositionen inspirierten

In den Monaten vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die harmonische Verschmelzung von Tier und Natur, die Marcs Schaffen bis dahin dominiert hatte, durch eine zunehmend abstrakte Bildsprache ersetzt. Schon ab 1913 begann das Tiermotiv seine vorrangige Bedeutung bei der Suche nach einer besseren Welt zu verlieren. Eine Reise ins gesellschaftlich und politisch zerrissenen Südtirol bewirkte, dass sich die ehemals harmonischen Landschaftsvisionen zu dystopischen Szenerien mit einsamen, ausgemergelten Tierkreaturen verkehrten. Werke wie Das arme Land Tirol, 1913, aber auch Kämpfende Formen und Zerbrochene Formen aus dem Jahr 1914 spiegeln Marcs inneren Aufruhr und den Zwiespalt der Gefühle angesichts der sich anbahnenden tiefgreifenden Zeitenwende und der zunehmenden Kriegsgefahr.
Franz Marc pflegte intensive Freundschaften und künstlerischen Austausch. Neben Niestlé war es vor allem August Macke, der ab 1910 sein enger Freund und Gesprächspartner wurde. Mit ihm tauschte sich Marc in Briefen und Gesprächen über künstlerische Fragen aus, sie diskutierten über Farbsymbolik und neue Ausdrucksformen. Mackes Einfluss war spürbar, als Marc begann, seine expressive Farbpalette und flächige Kompositionen auszubauen. Als Mitglied der Neuen Münchner Künstlervereinigung lernte er Anfang 1911 Marianne von Werefkin (1860–1938), Gabriele Münter (1877–1962), Alexej von Jawlensky (1864–1941), Arnold Schönberg (1874–1951) und Wassily Kandinsky (1866–1944) kennen, mit dem er Ende 1911 die Redaktionsgemeinschaft des Blauen Reiter gründete.
Auch die Berliner Künstlerin Maria Franck (1876–1955), die Marc 1905 kennenlernte und 1913 heiratete, spielte eine bedeutende Rolle in seiner künstlerischen Entwicklung. Sie war nicht nur Muse und Vertraute, sondern auch eine Partnerin, die ihn intellektuell unterstützte. Ihre gemeinsamen Reisen und ihr reger Austausch mit Gleichgesinnten stärkten Marcs Überzeugung, dass Kunst nicht nur eine individuelle Ausdrucksform, sondern auch ein kollektiver Prozess ist.

Entsprechend arbeitete Marc daran, sein Netzwerk weit über München hinaus auszubauen. Es erstreckte sich nach Berlin, Bonn und Paris. Zu seinen wichtigsten Kontakten zählten der Berliner Sammler Bernhard Köhler (1849–1927) sen. und Herwarth Walden (1878–1941), Begründer der Zeitschrift Der Sturm. Beim Ersten Deutschen Kunstsalon, den Walden 1913 initiierte, beriet Marc bei der Auswahl der Künstler/innen und der Gestaltung der Hängung. Walden präsentierte Marcs Werke nicht nur in Deutschland, sondern brachte sie auch nach Paris, wo sie in der Galerie von Daniel-Henry Kahnweiler (1884–1979) und Ambroise Vollard (1866–1939) stießen auf großes Interesse. Franz Marc (1880–1916) schätzte den Austausch mit Galeristen und Künstler/innen und war sich über den Einfluss auf sein eigenes Kunstschaffen bewusst. Zu den besonderen Freundschaften, die Marc pflegte, gehörten zudem die mit Else Lasker-Schüler (1869–1945), Alfred Kubin (1877–1959) und Paul Klee (1879–1940).
Ausstellung bis 24.01.2027, Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen,
Grabbeplatz 5, Düsseldorf, http://www.kunstsammlung.de
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